Sonntagsgedanke, 28.01.2018

Brich mit dem Hungrigen dein Brot

In diesen Tagen laden evangelische und katholische Christen zum neunten Mal gemeinsam zur Vesperkirche in die Pauluskirche ein. Hier treffen sich jeden Mittag ab 11.30 Uhr (noch bis 7. Februar) Menschen aus allen Bevölkerungsschichten zum gemeinsamen Mittagessen.

Schon vor der Kirche merkt man, dass da gerade etwas anders ist als sonst. Hinter der Kirche steht das Spülmobil. Vor der Kirche ein Lieferwagen, der die Mahlzeiten anliefert und überall legen eifrige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Hand an.

Wer einen Blick in die Kirche wirft, ist überrascht. Überall wo zwischen den Bänken Platz ist, sind Tische und Stühle gestellt. Ja, einige Bänke sind sogar entfernt worden, um Platz zu schaffen.

So können die Mitarbeiter, die Essen und Trinken servieren, Tag für Tag mehr als 200 Mahlzeiten ausgeben. Und diese Mahlzeiten sind für jedermann erschwinglich, weil viele Einzelpersonen und Unternehmen durch ihre Spenden das ermöglichen.

Als ich in der Kirche den Blick über die Menschen schweifen ließ, kam mir unwillkürlich eine Liedstrophe aus dem Ev. Gesangbuch in den Sinn. Dort (EG 420,1) heißt es:

 „Brich mit den Hungrigen dein Brot,
sprich mit den Sprachlosen ein Wort,
sing mit den Traurigen ein Lied,
teil mit den Einsamen dein Haus.“

 Das Haus, - die Kirche, - steht in diesen Tagen allen Menschen offen. Und viele kommen tatsächlich. Mancher sicher auch, weil er einsam ist und jemanden zum Reden braucht. Eine andere, weil sie traurig ist und jemanden braucht, der sie aufmuntert. Vielleicht mit Musik, die als Zusatzprogramm immer wieder geboten wird? Mancher kommt auch mit seinen Fragen und hofft auf ein Wort des Zuspruchs. Und das Brot, - die Mahlzeiten, - werden mit allen geteilt die da sind. Jung und Alt, Arm und Reich, Besucher und Mitarbeiter, - sie alle kommen in diesen Tagen zusammen und erleben, dass sie bei der Vesperkirche willkommen sind. Dass sie alle zusammen eine große Gemeinschaft sind. Ja, dass es einfach gut ist füreinander da zu sein!

Pfarrer Udo Schray,
z. Z. beauftragt mit der Altenheimseelsorge in verschiedenen Häusern in Heidenheim

Sonntagsgedanke, 20.01.2018

Heute gelten Linkshänder als normal. Als ich in die Schule kam, hieß es zwar: „Alle Kinder nehmen den Stift in die rechte Hand.“ Es war trotzdem ein Fortschritt, denn wir Kinder hörten nichts mehr von guten und schlechten Händen wie die Generationen vor uns. Man dachte, Linkshändigkeit sei eine Angewohnheit, die man sich einfach abgewöhnen könnte. Wie viele Kinder und Erwachsene quälten sich damit, gegen ihre Veranlagung anzugehen!

Was in den 70er Jahre die Linkshänder waren, sind heute Menschen, die Menschen ihres eigenen Geschlechts lieben und ihre Liebe und Ehe gerne in einem Gottesdienst segnen lassen würden. Die evangelische Kirche streitet seit langem darüber und kann sich bisher nicht dazu durchringen, gleichgeschlechtlichen Paaren eine öffentliche Segnung zu ermöglichen.

Manche sagen, dass Homosexualität in der Bibel nicht erlaubt ist. Das stimmt. Doch wie ist die Bibel zu verstehen? Ist sie ein Buch, das man Wort für Wort umsetzen kann? Das ist sicher nicht möglich, denn oft stolpert man beim Lesen über Dinge, die heute anders geregelt werden. Jakob hatte zwei Ehefrauen, mit denen er heute keinen kirchlichen Segen bekäme. Jesus hat sich nicht gegen die Sklaverei geäußert, und doch wurde sie zu Recht abgeschafft.

Ich verstehe die Bibel wie ein Musikstück für einen vielstimmigen Chor. Jede Stimme ist wichtig, aber nicht zu jeder Zeit. Manchmal singt man die Begleitung, manchmal die Melodie. Es gibt sogar Pausen und leise Töne. Doch erst der Zusammenklang aller Stimmen ergibt das ganze Musikstück in seiner Schönheit.

Viele Autoren haben über Jahrhunderte an der Bibel geschrieben. Nicht jeder Satz ist gleich wichtig. Entscheidend ist der Gesamtklang, die ganze Botschaft. Sie heißt: Gott nimmt uns an, wie wir sind, mit allen Eigenschaften, Anlagen, Fähigkeiten und Grenzen. Wenn wir uns durch die Taufe zu Jesus Christus halten, sind wir Kirche, und alle gehören dazu, egal, welches Geschlecht, welchen Status oder welche Nationalität wir haben (Galater 3,28).

Käthe Lang, Hellenstein-Gymnasium, Stellvertretende Schulleiterin, evangelische Pfarrerin