Sonntagsgedanke, 11.12.2016 - 3. Advent

 „… der Tag ist nicht mehr fern“

Anfangs dieser Woche saß ich nachmittags in meinem Arbeitszimmer und blickte sehnsuchtsvoll aus dem Fenster. Es dämmerte und der ganze Ort, den ich von meinem Büro aus eigentlich gut hätte überblicken können, lag schon den zweiten Tag in Folge inmitten einer dichten und scheinbar undurchdringlichen Nebelwand. 

Wie wohltuend war es da als sich am Dienstagmorgen offenbarte, was sich bereits in der vorhergehenden Nacht durch den über die sich auflösenden Nebelschwaden erhebenden Sternenhimmel bereits angedeutet hatte, der ganze Ort – vom Glanz der Morgensonne durchflutet – wieder zum Leben erwachte und mit einem Schlag alle Trübsal und Lethargie wichen. 

Die Wintertage dieser Woche sind für mich ein schönes Bild für ein Ereignis, von dem Jochen Kleppers Weihnachtslied „Die Nacht ist vorgedrungen“ singt. Als Klepper, dessen Todestag sich am morgigen Sonntag zum 74. Mal jährt, das Lied 1937 schrieb, wurde es immer dunkler um ihn, durchlebte er als christlicher Schriftsteller, der mit einer Jüdin verheiratet war zur Zeit des Nationalsozialismus schlimmste Angst und Pein. 1942, als seiner Frau und der Tochter die Deportation und der Tod drohten, nahmen sich alle drei das Leben. Im Advent – in Erwartung des Christkindes: „Wer schuldig ist auf Erden, verhüll‘ nicht mehr sein Haupt. Er soll gerettet werden, wenn er dem Kinde glaubt“. Er hat kurz vor seinem Tod geschrieben: „Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben“. 

Solches Vertrauen kann spüren, wer das Lied im Advent singt: Menschenleid und -schuld gibt es bis heute – überall, in allen Familien auf unterschiedliche Weise. Wir brauchen nicht zu verzweifeln, denn der „Stern der Gotteshuld“ wandert mit uns. Die Dunkelheit hat keine Macht mehr über uns, sie ist „beglänzt von seinem Licht“. Deshalb brauchen wir sie nicht fürchten und auch nicht vertreiben mit Dauerbeleuchtung oder Scheinwerfern.  

„Gott will im Dunkeln wohnen und hat es doch erhellt.“ Die Lichter des Adventskranzes laden uns ein, nachzudenken über unsere Angst und Pein, Dunkel und Schuld. Die Nacht dauert nicht ewig, deshalb können wir froh in das Lob einstimmen mit Liedern von Jochen Klepper oder auch anderen, die uns in dieser Adventszeit begleiten.

Pfarrer Michael Maisenbacher, Gerstetten

Sonntagsgedanke, 16.11.2016 - Buß- und Bettag

Raus aus dem Schneckenhaus

Mit den kürzer werdenden Tagen und den trüben Nebeln hat sich das Leben wieder von draußen nach drinnen verlagert. Wenn die letzten Blätter fallen und im Kalender Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag stehen, ist der letzte Sommer fern – und die Vergänglichkeit umso deutlicher. Ungemütlich und unwirtlich scheint vielen nicht nur die Jahreszeit, sondern auch die politische Großwetterlage: Die gewohnten Koordinaten verschieben sich. Was wird kommen? Wir brauchen wieder mehr Sicherheit, hört man raunen, eine Zukunft für unsere Kinder in Wohlstand und Frieden. Und was wird aus der Rente? Es scheint, als zögen auch vor unseren Erwartungen an die Zukunft Nebelschleier auf, die unseren Blick für morgen mit Novembergrau trüben. Liegt es da nicht nahe, sich zurückzuziehen, sich auf das Persönliche zu konzentrieren? Wer sich trutzig in sein Schneckenhaus verkriecht und nur ab und an einen Blick nach draußen riskiert, merkt doch, dass die Ängste und Sorgen vor der Tür nicht Halt gemacht haben. Sie sind da, sie gehören zum Leben dazu. Wo einer sich einigelt und meint, alles mit sich ausmachen zu können, was seinen Kopf übersteigt, da wird er zum „homo incurvatus in se ipsum“ – wie Martin Luther es nennt: zum Menschen, der nur noch um sich und seine Sorgen kreist.

Der Buß- und Bettag ist ein Tag, um hinzublicken auf das, was einen umtreibt und beschwert. Er gibt Gelegenheit, offen auszusprechen, wo wir versagt haben und wo unsere Kräfte nicht ausreichen. Doch Buße heißt, nicht beim Versagen und bei der Angst stehen zu bleiben. Buße ist ein Neuanfang: Wer erkennt, dass vieles über seine Kraft geht, wer zugibt, dass ihn manches beunruhigt und ängstigt, der kann sich davon auch wieder abwenden. Buße ist dann ein Hinblicken auf das, was mir Halt gibt und mich stark macht, immer wieder neu. Nicht nur am Buß- und Bettag lädt Gott ein, alles Belastende ihm anzuvertrauen, damit wir den Blick wieder frei heben können: Es ist noch längst nicht aller Tage Abend.

Ralf Alexander Sedlak

bis 31.10.2016 Pfarrer in Dettingen am Albuch und Bissingen-Hausen

Sonntagsgedanke, 12.11.2016

Verantwortlich Leben

„Unsere Welt ist aus den Fugen geraten.“ So hört man es manchmal. Und tatsächlich ist eine tiefgreifende Verunsicherung bei vielen zu spüren. Dabei wirken die gefühlten Gefährdungen bedrohlicher als die Gefahren, die uns objektiv drohen. Beispielsweise ist die Gefahr, durch falsche Ernährung zu sterben bei weitem größer als die, Opfer eines Terroranschlags zu werden. Plötzlich hat man mehr Angst vor Gruselclowns als vor den Risiken des Straßenverkehrs.

Darum frage ich mich, was da aus den Fugen geraten ist. Ist es wirklich die Welt oder nicht viel mehr unsere Wahrnehmung? Der Volkstrauertag morgen kann uns dazu helfen, unsere Wahrnehmung wieder neu zu „verfugen“. Wenn wir uns an die Opfer der Weltkriege und der Gewaltherrschaft erinnern, erahnen wir etwas davon, wie es in einer Welt zugeht, die wirklich aus den Fugen ist.  Dann entdecken wir, dass wir in einer vergleichsweise stabilen Welt leben: Wir haben so lange Frieden wie noch keine Generation vor uns. Damit verbunden ist ein Wohlstand, von dem unsere Urgroßeltern nicht einmal träumen konnten.

Dann wird uns klar: Statt uns diffusen Ängsten auszuliefern, sollen wir verantwortlich leben. Wir tun es, wenn wir Bekannten und Fremden mit einem Vertrauensvorschuss begegnen. Wenn wir unseren eigenen Lebensstil kritisch überprüfen: Wo tragen wir dazu bei, Frieden, Gerechtigkeit und eine intakte Umwelt zu fördern? Wo schaden wir ihnen?

Das biblische Leitwort für die evangelischen Gottesdienste morgen ordnet dieses verantwortliche Leben in einen größeren Horizont ein: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“ (2. Korinther 5,10) Wir verantworten unser Leben vor dem Herrn, der es uns schenkt, der uns darin begleitet, und der es zum Ziel führt. Wenn wir Christen in diesem Sinne verantwortlich vor Gott leben, dann vertrauen wir: Unsere Welt ist nicht aus den Fugen, sondern sie ist getragen von Gottes Nähe.

Ulrich Erhardt, evangelischer Pfarrer, Niederstotzingen

Sonntagsgedanke, 04.09.2016

Es gibt einen Moment, auf den – so meinen viele – kommt es bei einer Hochzeit an. Es ist ein kurzer Augenblick der höchsten Anspannung, sowohl beim Paar, als auch bei den Gästen. Hochemotional, applausbedürftig. Ein Moment, der nicht festgehalten werden kann und doch unter allen Umständen mit 12 Megapixel auf Kamera Platz finden und verewigt werden muss.

Es ist dieser eine, leidenschaftliche Augenblick, der fast schon zeitlos für das steht, was war und was dann kommen soll. Er ist unendlich wiederholbar und immer wieder schön. Unausdrückbar und dennoch der definitive Ausdruck eines Eindrucks durch Aufdruck mit Nachdruck. Der Kuss!

Was beim Küssen passiert, ist nicht wirklich rational. Ein guter Kuss kann den ganzen Körper durchziehen, Glücksgefühle auslösen, Hormone freisetzen, Kalorien verbrennen, das Immunsystem stimulieren. Wer es oft tut, so sagt man, lebt sogar 5 Jahre länger.

Es ist erstaunlich und könnte seltsam oder verrückt wirken, aber gerade dieses Wort „Küssen“ wird in der Bibel verwendet, um eine ganz besondere Nähe zu Gott auszudrücken. Das Wort „Küssen“ schwingt nämlich im Neuen Testament in dem griechischen Wort für „anbeten“ mit. Wie ein Kuss ein inniger Ausdruck von Verehrung und Liebe sein kann, so ist Anbetung auch ein Ausdruck meiner Liebe zu Gott, eine ganz besondere Nähe. Tuchfühlung, ein Rendezvous, ein Date mit Gott, bei dem man aus dem Staunen und dem Ergriffensein von seiner Größe und Herrlichkeit kaum raus kommt.

Nun ist das Küssen kein Sprechakt. Anbetung kann es sein, muss es aber nicht. Manchmal reicht auch nur die Stille im Gebet, ein Hinhören auf Jesus Christus. Er hat die Nähe zu Gott wiederhergestellt. Er hat am Kreuz alles uns von Gott Trennende weggenommen. Im Glauben an ihn können wir Gott wieder begegnen und ihm ganz nahe sein. Das schmeckt wie ein Kuss und hat doch so viel mehr Auswirkung auf unser Leben. Diese Nähe Gottes wünsche ich Ihnen.

Siemen van Freeden
Pastor der Ev. Brückengemeinde Heidenheim



Sonntagsgedanke, 21.08.2016

Reformation und die Eine Welt

… so lautet das Dekade-Thema der Evangelischen Kirche Deutschland für 2016.

Die Reformation und ihre Lehren gingen um die Welt, prägten Menschen, Gemeinden und Kulturen. Verschiedene reformatorische Kirchen sind entstanden, die heute über 400 Millionen Menschen weltweit verbinden. In diesen verschiedenen Kirchen leben Menschen ihren Glauben auf unterschiedliche Weise, in ökumenischer Gesprächsbereitschaft und interkultureller Offenheit. „Die Reformation ist Weltbürgerin geworden“, so Martin Junge, der Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes.

Auch von Württemberg gingen einst Missionarinnen und Missionare in alle Welt und legten den Grundstock für die vielfältigen Begegnungen und Beziehungen in Übersee, die bis heute bestehen und von denen beide Seiten profitieren. Das gehört zum Reichtum unserer Landeskirche.

Die reformatorischen Kirchen in der „einen Welt“ sind vielgestaltig und bunt, aber längst nicht nur von europäischen Traditionen geprägt. Die Kirchen in Übersee haben sich weiterentwickelt, eigene Ausdrucksformen und Wege gefunden. Trotz einer manchmal ambivalenten Missionsgeschichte haben sich vielfältige partnerschaftliche Beziehungen herausgebildet. Der Austausch ist keine Einbahnstraße mehr von Nord nach Süd.

Dieser Partnerschaft auf Augenhöhe trägt die Partnerschaftskonsultation Ende September in Stuttgart Rechnung. Unter dem Motto „Gemeinsame Wurzeln, gemeinsame Weg“ findet ein Treffen mit 25 verschiedenen Kirchen aus der ganzen Welt statt, bei dem der Austausch im Mittelpunkt steht. Aktuelle Herausforderungen, wie Klimawandel oder Migration, werden in den Blick genommen, sowie die Partnerkirchen untereinander ins Gespräch gebracht. Diese Vernetzung soll nicht nur die Nord-Süd Partnerschaften vertiefen sondern auch Partnerschaften zwischen den Kirchen in Übersee ermöglichen.

Diese Partnerschaftskonsultation wird zeigen, dass die Reformation kein abgeschlossenes Ereignis, sondern eine bleibende Aufgabe ist – ecclesia semper reformanda!

Eva Glock
Mitglied der Landessynode und EKD-Synode

Sonntagsgedanke, 07.08.2016

Unterwegs

Während ich diese Zeilen schreibe, schweifen meine Gedanken immer wieder ab. Heute ist der erste Ferientag. Baden- Württemberg ist im Aufbruch begriffen und bald folgen die Bayern. Wahrscheinlich lassen auch heute die Staumeldungen nicht lange auf sich warten.

Aber ich sitze noch hier am Schreibtisch über den Sonntagsgedanken und kann höchstens vom Verreisen träumen. Wobei ich auch nur noch ein paar Tage warten muss, bis es los geht Richtung Norden.

Es ist wieder einmal soweit! Viele Menschen in Deutschland sind in Nah und Fern unterwegs in den Sommerurlaub. An die See. In die Berge. Aufs Land. In die Stadt. Allein, mit Freunden und Verwandten oder mit der Familie.

Diese Urlaubsreisen sind mir ein Bild für die große Reise, auf der wir uns alle befinden, auf der niemand zurückbleibt, - der Reise durch unsere Lebenszeit.

Natürlich sind unsere Wege durch die Lebenszeit sehr verschieden. Denn einige von uns sind als Kinder und Jugendliche unterwegs, andere als junge Erwachsene oder Eltern, wieder andere als Großeltern oder gar Urgroßeltern. Einige sind allein unterwegs und andere zu zweit, zu dritt oder zu viert.

Doch vor der Zeit sind wir alle gleich. Sie geht an uns vorüber und wir bewegen uns in ihr: Sekunde für Sekunde, Minute für Minute, Stunde um Stunde, Tag für Tag, Woche um Woche, Monat um Monat, Jahr um Jahr.

Unser Leben besteht aus diesen Sekunden, Minuten, Stunden, Tagen, Wochen, Monaten und Jahren und Jahren, - sie sind gefüllt von Ereignissen, die unser Leben ausmachen: Kinder bekommen, sterben, pflanzen, ernten, töten, heilen, niederreißen, bauen, weinen lachen, klagen, tanzen, umarmen, loslassen, suchen, verlieren, behalten, wegwerfen ….. – so eine biblische Aufzählung (Prediger 3,1ff).

In all diesen Ereignissen unseres Lebens müssen wir immer wieder neu Entscheidungen treffen. Damit wir uns nicht im Lauf der Zeit verlieren. Damit wir unsere Gelegenheiten beim Schopf packen. Damit wir da nicht abseitsstehen, wo andere uns brauchen. 

Ich wünsche Ihnen für die Reise durch Leben und womöglich auch für die Reise in den Urlaub mit Worten von Dietrich Bonhoeffer, dass Sie behütet unterwegs sein mögen:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen,

erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist bei uns am Abend und am Morgen

und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Pfarrer Udo Schray, z.Z. beauftragt mit der Betreuung der Ev. Zinzendorfgemeinde Heidenheim

Sonntagsgedanke, 24.07.2016

Sommer

Liebe Leserinnen und Leser,

Lebt als Kinder des Lichts – in diesen milden, hellen, freundlichen Sommertagen klingt dieses Bibelwort auf einmal anders als im Winter. Bisher habe ich es oft als Aufforderung, ja als Mahnung gelesen und verstanden. Christus ist das Licht der Welt, darum sollen auch wir Kinder des Lichtes sein, so habe ich es in Wintertagen ausgelegt.

Aber dieses sollen gefällt mir heute nicht mehr. Da fehlt die Leichtigkeit, die Wärme und Freundlichkeit des Sommers. Licht macht mir gute Laune. Wenn es dunkel und kalt ist, will ich mich lieber verkriechen. Jetzt aber sitzt man gern in Cafes oder Eisdielen, bleibt abends länger auf, lässt sich die Sonne auf die Haut scheinen. Hoffentlich haben wir alle in den Ferien und Urlaubswochen auch genug Zeit dazu. Neulich hatte ich tatsächlich einen ganzen freien Tag und konnte einfach mal nur ein paar Stunden am See verbringen. Die Menschen waren friedlich und freundlich, die Papas tauschten Witze und Scherze aus, die Kinder spielten, die Mamas genossen die Sonne und die Babies krabbelten mit nacktem Po. 

„Lebt als Kinder des Lichtes“ ist der Wochenspruch für diese Sommerwoche, die letzte ganze Woche vor den Sommerferien. 

Und wenn wir genug Wärme, Freundlichkeit und Kraft aufgetankt haben, dann fallen uns auch die Früchte in den Schoß: Die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit, so geht der Spruch aus Epheser 5 weiter.

Wer selber Güte erfahren hat, kann auch gütig sein, wer selbst gerecht behandelt wird, geht auch fair mit anderen um. Wer es gewohnt ist, nicht angelogen zu werden und wem die Wahrheit nicht vorenthalten wird, der wird auch selbst ein Freund der Wahrheit sein.

Lasst es Euch gut gehen! Lassen Sie sich die Sonne auf den Rücken oder Bauch scheinen, den Sand durch die Zehen rieseln und schütteln Sie sich die Tropfen aus dem Haar. Tanken sie Licht und Kraft und Liebe auf für die dunklen Tage. Wir sind Kinder des Lichtes und darum können, dürfen, wollen wir auch so leben.    ….

eine schöne Sommerzeit wünscht Ihnen
Pfarrerin Karin Keck, Mergelstetten

Sonntagsgedanke, 10.07.2016

Wenn es draußen heiß und sonnig ist, ziehen wir gerne leichte und luftige Kleider an. Da fallen mir oft die Sprüche auf, die auf T-Shirts zu lesen sind.  Wie z.B. der auf dem Hemd eines Schülers: „Hausaufgaben schaden meiner Gesundheit“. Oder auch: „Ich war´s nicht“.
Manche Sprüche sind lustig, andere oberflächlich oder provozierend. Und sie bringen oft eine Haltung, eine Meinung oder ein Lebensgefühl zum Ausdruck. Am Besten gefallen mir die nachdenklichen. Etwa: „All we have is now“. Alles, was wir haben, ist das Jetzt. „Love is what we´re here for“. Liebe ist der Grund, warum wir hier sind. Oder: „Liebe kennt keine Liga“. Sprüche, die zum Nachdenken anregen und vielleicht sogar etwas verändern und uns voranbringen.
Konfirmandinnen und Konfirmanden haben letztes Jahr solche Sprüche gesammelt. Und dabei überlegt, was draufstehen würde, trüge Gott ein T-Shirt. Das ist zuerst einmal eine ungewöhnliche, vielleicht auch merkwürdige Vorstellung und eine Frage, die leichter zu stellen ist als zu beantworten. Aber wenn, dann müsste es etwas Wesentliches sein, ein Spruch mit Hand und Fuß, auf den Punkt gebracht. Wie wäre es mit „Trust me“, haben wir überlegt. Vertrau mir. Oder „All you need is love“. Alles, was Du brauchst, ist Liebe. Oder auch: „You´ll never walk alone“. Du bist nie alleine unterwegs.
Sprüche, die aufrichten und ermutigen. Mit oder ohne T-Shirt. Nicht nur im Sommer.  

Pfr. Michael Williamson, Schnaitheim          

Sonntagsgedanke, 12.06.2016

Unmittelbar

Das Leben wird, so scheint es, mitunter nur mittelbar wahrgenommen, etwa über Bilder. Bei der Besichtigung von Sehenswürdigkeiten macht man immer wieder die Erfahrung, dass sie wie von einer Wand verdeckt werden, von Tablets, die andere Touristen in die Höhe halten, um zu fotografieren. Damit man sich zu Hause die Bilder nochmals ansehen und sie auch anderen zeigen kann. Die Absicht, das Geschehen aufzunehmen und später nochmals anzusehen, steckt sicher auch hinter den Helmkameras, die auf sehr viele Ski- und Fahrradhelme montiert werden. Nicht dass ich etwas gegen Bilder hätte. Es ist schön, wenn Kinder oder Freunde von unterwegs ein Bild schicken oder man sich beim Betrachten von Bildern erinnert. Es spricht überhaupt nichts dagegen, Bilder oder Filme aufzunehmen. Wie spannend die später für andere sind, bleibt dahingestellt, denn diese Zuschauer erfahren eben nur mittelbar davon und haben es nicht miterlebt.

Anderes muss man unmittelbar erleben, wie einen Gottesdienst. Entweder indem man mitfeiert oder wenn er im Fernsehen übertragen wird. Da kann es schon stören, wenn ständig jemand filmt. Vermutlich haben Sie es bei Festgottesdiensten auch schon erlebt. Bei Kasualien wie Trauungen, bei Konfirmationen oder Erstkommunionen, wenn Väter oder Mütter ihr Handy aus der Tasche ziehen, um das ganze Geschehen zu filmen. Das Miterleben und die Andacht kommen zu kurz und wer dahinter sitzt, wird abgelenkt. Zwischendurch wird die Familie in der Sitzbank fotografiert – und dann, Daumen hoch, weil das Bild so gut war. Und das, obwohl im Vorfeld abgesprochen war, dass nur ein Profi fotografiert.

Ein direktes Gespräch und unmittelbares Miterleben ermöglichen direkte Begegnungen. Das lässt sich später in diesem Maß nicht mittelbar nachholen, anhand von mehr oder weniger zufälligen Ausschnitten.

Zu Gott können wir unmittelbar kommen und ihn im Gebet direkt ansprechen. In der Bergpredigt sagt Jesus, wie wir beten sollen. Er zeigt, dass wir Gott im Gebet direkt und persönlich ansprechen können, eben unmittelbar. Wie unmittelbar, das wird aus den Worten Jesu deutlich, wenn er sagt, „Euer Vater weiß, was ihr braucht, noch bevor ihr ihn bittet“. Direkt und unmittelbar ist der Kontakt am intensivsten.

Johannes Geiger, Schuldekan

Sonntagsgedanke, 29.05.2016

Es läuft was

Brunnen haben Anziehungskraft. Ein Brunnen auf Plätzen ist Blickfang. Er verleiht eine Mitte und Leben: Plätschern ist zu hören, das Wasser bewegt sich spielerisch. Kindern rennen darauf zu und plantschen. Mit Trinkwasser wird er zur nützlichen Quelle. Touristen, Radfahrer und Wanderer rasten an Brunnen. In Städten ist ein Brunnen oft der klassische Treffpunkt, an dem „was läuft“. Schon vor Urzeiten war am Brunnen was los. Weltweit ist es wohl bis heute so.

Für Menschen, die den Brunnen täglich zum Leben und Überleben brauchen, muss man kaum auslegen, welch grundlegendes Bild Jesus für sich verwendete: „Wer Durst hat, der soll zu mir kommen und trinken! Wer an mich glaubt, wird erfahren, was die Heilige Schrift sagt: Wie ein Strom wird lebensschaffendes Wasser von ihm ausgehen.“ (Johannes 7, 37+38)

Jesus macht ein Angebot, das unsere Sehnsucht nach dem Lebenselixier stillen kann. Mehr noch: Wer bei ihm Wasser des Lebens schöpft, erhält davon so viel, dass es über ihn hinausströmt. Es wird überlaufen und auch Mitmenschen erfrischen.

Mit diesem Bild beschreibt Jesus seine Kraft, die für die Gläubigen immer da sein wird. Seit dem Pfingstgeschehen ist sie im Heiligen Geist auf der Erde wirksam. Wie beim Brunnen das Wasser, so fließt sie fortwährend. Es reicht, wenn wir hingehen und uns bedienen: im Gebet, in der Bibel, in Gottesdiensten und bei Gesprächen mit anderen, die zum Brunnen kommen. So werden Lebensgeister wieder neu geweckt. Mit frischen Kräften kann es weitergehen. Vielleicht begegnet uns auf den Plätzen der Welt anderes als gedacht. Auf jeden Fall aber speist uns, was wir so dringend brauchen: eine Quelle fürs Leben.

Uns selbst und unserer Gesellschaft tut es gut, wenn uns der Brunnen des Glaubens anzieht. Er setzt Akzente im zugepflasterten Alltag. Er durchbricht öde Flächen und erfreut durch Farben, Gestalt und Bewegung des Wassers. Er lässt verweilen, Erfrischung tanken, Spaß versprühen, Momente teilen. Das verändert die Stimmung. Es läuft was …

Daniela Jäkle, Pfarrerin, Evangelische Gesamtkirchengemeinde Härtsfeld Süd

Sonntagsgedanke, 22.05.2016

Geheimnisverrat

Käthe und Hans sind über beide Ohren verliebt. Sie wollen heiraten.
Sie empfinden sich als eine Einheit - erst recht, seit sie wissen, dass ein kleines Käthchen oder Hänschen unterwegs ist.
Einer geht im andern auf. Ihre Freunde spotten schon, dass sie immer zusammen hängen wie die Kletten.
Allerdings hat die bevorstehende Elternschaft erste Meinungsunterschiede an den Tag gebracht: Käthe möchte, dass Hans ein Jahr Vaterurlaub macht, der aber denkt an seine Karriere.
Hans möchte, dass Käthe drei Jahre zuhause bleibt, Käthe aber hat schon nach dem Krippenplatz gefragt.
Obwohl die werdende Familie eine feste Einheit ist, „ein Fleisch“ sozusagen, bleiben die Liebenden dennoch Einzelwesen, mit eigenen Interessen, Eigenarten, Wünschen. Das ist auch gut so, denn ohne ein Gegenüber wäre Liebe nicht möglich.
Wen wollten wir lieben, wenn wir ganz und gar eins sind? Etwa uns selbst? Zur Liebe gehört nicht nur die Einheit, sondern auch die Verschiedenheit.
Das gilt auch für Gott. Gottes Wesen ist Liebe.  Gott ist nicht eine Idee. Er ist kein starrer unbeweglicher Block. Gott tritt in Beziehung, hat eine Geschichte, ist eine lebendige Bewegung der Liebe.
Darum gibt es auch bei ihm die Einheit und die Verschiedenheit.
Morgen am Fest Trinitatis bedenken wir dieses Geheimnis des dreieinigen Gottes. Es ist das Geheimnis der Liebe.
„Ein Gott in drei Personen“ – wie dies zu verstehen ist, wird ein Geheimnis bleiben. Aber Gott lüftet damit auch ein wesentliches Element seines eigenen Geheimnisses. ER verrät uns, dass er ein liebender Gott ist. So unverfügbar und unbegreiflich er auch für uns ist, eines wissen wir: Sein innerstes Wesen ist Liebe. ER setzt auf Beziehung. So kann und will er nicht bei sich selbst bleiben, sondern sucht die Begegnung auch mit uns, Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. 

Gerhard Schwarz, Pfarrer,
Paulus-Wald-Kirchengemeinde Heidenheim

Sonntagsgedanke, 01.05.2016

Ein Arbeiter ist seines Lohnes wert

 

Das ist eine biblische Aussage. Sie steht so im siebten Kapitel des Lukasevangeliums. Jesus sagt dieses Wort zu seinen Jüngern, bevor er sie losschickt, um die gute Nachricht vom Reich Gottes zu verbreiten. Freilich weiß er um die irdischen Rahmenbedingungen. Deshalb coacht er seine Freunde auch im Hinblick auf ihr leibliches Wohl: „In dem Haus, in dem ihr zu Gast seid, bleibt und esst und trinkt, was sie haben. Denn ein Arbeiter ist seines Lohnes wert.“  

Geistliches Heil und leibliches Wohl gehören untrennbar zusammen. Eines ist ohne das andere nicht denkbar. Nicht umsonst erzählt das Neue Testament, dass Jesus den Menschen nicht nur gepredigt hat; für ihn war ebenso wichtig mit ihnen zu essen. Die Kirche muss das im 19. Jahrhundert vergessen haben, als für sie nur noch das Leben nach dem Tod zählte. Neu ins Bewusstsein gerufen hat die Arbeiterbewegung den Zusammenhang von Leib und Seele. Der 1. Mai als weltlicher Feiertag erinnert und mahnt daran. Gerechter Lohn für erbrachte Leistung steht allen Menschen zu. Aber auch beim Tag der Arbeit geht es – ebenso wie bei Jesus – längst nicht nur um die Bedürfnisse des Leibes. Bildungsgerechtigkeit, Chancengleichheit und Gleichberechtigung der Geschlechter gehören ebenso zum Profil dieses Tages.  

Und noch etwas verbindet den 1. Mai mit der Botschaft Jesu: Wir Menschen können nicht immer nur arbeiten oder lernen. Wir brauchen auch Erholung, das zweckfreie Spiel, den Sonntag. Jesus hat regelmäßig mit den Menschen gefeiert. Auf Hochzeiten und Jahrmärkten war er anzutreffen. An vielen Orten ist in der Nacht zum 1. Mai Jubel und Trubel, Musik und Tanz. Wie gut, dass wir Menschen Gelegenheit haben zum Feiern. Denn Arbeiten und Feiern machen gemeinsam das Menschsein aus. Das verkündigen die Arbeiterbewegung und die Kirche übereinstimmend. 

Harald Röser, Pfarrer und Oberstudienrat, Hellenstein- und Schillergymnasium Heidenheim

Sonntagsgedanke, 17.04.2016

Man lebt nur einmal

Reisen bildet, sagt man. Ich sitze im Zug und weil es voll ist, höre ich unfreiwillig die Gespräche meiner Mitreisenden. Links neben mir zwei etwa 40 Jahre alte Freundinnen in bester Sektlaune, die wohl gerade ein ereignisreiches Wochenende ohne ihre Familien verbracht haben. Laut kommentieren sie alles, was um sie herum geschieht.

Einige Plätze weiter zwei andere Frauen, die stundenlang Karten spielen. Sie sind ungefähr Anfang 50 und Anfang 70, recht ruhig und sprechen nur wenig. Dann allerdings klingt es nach Bayern, was den aufgekratzten Freundinnen nicht gefällt. Sie machen sich laut darüber lustig.

Was tun? Eingreifen oder weghören? Ich bleibe still.

Als sie die Sektflasche wegräumen, sehe ich, dass es nicht die erste war. Was das wohl für ein Wochenende war? Doch allmählich verstehe ich, dass die beiden versuchen, sich das Leben schön zu trinken und die Menschen zu vergessen, die ihnen übel mitgespielt haben. „Man lebt nur einmal! Prost!“ sagt die eine und macht die nächste Flasche auf. Ihre Stimmung wirkt plötzlich wie eine Maske, hinter der es ganz anders aussieht.

Schließlich steigen sie aus und es wird stiller im Wagen. Immer noch spielen die anderen beiden Karten und unterhalten sich leise. Bei der Fahrkartenkontrolle kommen sie mit dem Schaffner ins Gespräch. Mutter und Tochter sind sie, innerhalb eines Jahres sind beide von einem Tag auf den anderen Witwe geworden. Jetzt geben sie sich gegenseitig Halt. „Das Leben muss weitergehen. Unsere Männer hätten nicht gewollt, dass wir uns zu Hause verkriechen. So machen wir zwei Mal im Jahr zusammen eine Reise und genießen die Zeit, die wir miteinander haben. Man weiß nie, was kommt. Wir sind sehr dankbar für alles Schöne, das wir trotz allem erleben.“

Die Losung des Kirchentags 2015 hieß: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden.“ (Psalm 90,12) Ich gehe vom Bahnhof nach Hause und frage mich, wie ich mit meiner Lebenszeit umgehe.

Käthe Lang, Buigen-Gymnasium Herbrechtingen

Sonntagsgedanke, 03.04.2016

Wie die neugeborenen Kindlein

Die Brille meines Mannes hatte den Flug nach Südafrika nicht überstanden. Das besorgte Hotelpersonal in Johannesburg riet uns, nur mit dem Taxi zum Optiker um die Ecke zu fahren, auf den Straßen sei es viel zu gefährlich. Aber unsere mitreisende, vierjährige Tochter freute sich nach dem langen Stillsitzen auf einen Spaziergang und die vielen fremd aussehenden Menschen. Freundlich lächelnd grüßte sie im Vorbeigehen selbst diejenigen, die am Straßenrand leben mussten. Als ein Mann aufstand und auf sie zu kam, beschlichen uns Eltern erhebliche Zweifel, ob wir nicht zu fahrlässig gehandelt hatten. Was der Erwachsene weiß und schon in der Bibel zu lesen steht: „Wer sich in Gefahr begibt, der kommt darin um, und ein starrköpfiger Mensch nimmt zuletzt ein schlimmes Ende"! Und überhaupt, so der Vorwurf aus dem Verwandtenkreis, war es nicht viel zu riskant gewesen, so kurz nach Ende der Apartheid durch Südafrika zu reisen? Rächte sich das jetzt: Taxifahrt gespart, aber das Leben eingebüßt? Wir waren unbewaffnet. Völlig normal, denken sie, aber zu der Zeit als Weiße wurden wir in jedem Hotel gebeten, unsere mitgeführten Waffen abzugeben. Wir aber führten nur den entwaffnenden Charme eines kleinen Mädchens mit uns: eines Kindes, bei dem wir versucht hatten, es in Liebe, Toleranz und Offenheit zu anderen zu erziehen. Deshalb gab es für sie auch kein Zurückweichen, keine Angst vor dem schwarzen Mann, der ihr dann über den Kopf streichelte! Liturgisch gesehen steht der erste Sonntag nach Ostern unter dem Motto „Quasimodogeniti": „Wie die neugeborenen Kindlein seid begierig nach der vernünftigen, lauteren Milch." (1. Petr. 2,2). Hoffen wir nicht nur heute auf die vernünftige lautere Milch, die Christi Botschaft für uns bereithält, damit sie uns befähigt, mit allen unseren Mitmenschen so vorurteilsfrei wie die neugeborenen Kindlein umzugehen. Der Friede Gottes sei mit uns allen!

Dr. Waltraud Bretzger
Heidenheim, Mitglied der 15. Württembergischen Evangelischen Landessynode

Sonntagsgedanke, 27.03.2016 - Ostersonntag

Ostern erschüttert Ordnungen

Bis zum Vorabend von Ostern war die Welt noch in Ordnung. Alles ging seinen gewohnten Lauf: Die Sklaven des Pilatus beseitigten die letzten Blutspuren der Geißelung; der Hohepriester machte den Aktenvermerk „Gotteslästerer liquidiert!“; die Toten lagen in ihren Gräbern; die ängstlichen Jünger hielten sich versteckt und begruben ihre Hoffnungen. Nach dem Leben kommt das Sterben, auf Hoffnung folgt Enttäuschung – alles wie gehabt! Diese Ordnung brachte der Ostermorgen gründlich durcheinander. Denn die Jünger kamen aus ihren Schlupfwinkeln hervor; die Soldaten, die einen Leichnam bewachen sollten, wurden ohnmächtig; Frauen sahen keine Gespenster, sondern begegneten dem Auferstandenen. Das Dunkel der Welt wurde vom Osterlicht vertrieben. Der am Kreuz sein Leben aushauchte, verschwand nicht im Nichts, sondern brachte Licht in die Welt: Hoffnung für Sterbende, Mut für Verzagte, aufrechten Gang für Gestrauchelte. Ostern – das ist die totale Wende. Die Welterschütterung ist in die Ostergeschichten eingeflossen. Was zuvor fest stand wie ein Fels, kam in Bewegung. Der Stein war fortgewälzt. Erdbebengleich kehrt Ostern, was zuunterst lag, nach oben, was innen war, nach außen. Der begrabene Tote lebt und die ihn begruben, waren, als wären sie tot. Die Mächtigen, die das letzte Wort für sich beanspruchten, verstummten, und der, den sie zum Schweigen bringen wollten, redet noch immer. Die Frauen, die zuvor in Trauer und Schmerz versanken, wurden umgekrempelt zum Leben. Aus denen, die geflohen waren, wurden Zeugen, die nun standhalten. Und das alles, weil Christus den Tod überwunden hat. Mit einem toten Jesus lohnt es sich nicht, Christ zu sein, aber mit dem lebendigen Christus allemal! Ostern kehrt die Verhältnisse um: Durch die Dunkelheit bricht das Licht, Angst gerät zum Mut, Ungerechtigkeit findet ihr Urteil und Schuld wird vergeben. So wünsche ich Ihnen allen ein frohes und gesegnetes Osterfest!

Iris Carina Kettinger                                                                                                                           Pfarrerin in der Auferstehungskirchengemeinde Heidenheim
Mitglied der 15.Württ. Evang. Landessynode

Sonntagsgedanke, 13.03.2016

Liebe Leserin, lieber Leser,

nach einer Operation lebe ich zurzeit in einer Klinik. Ich lerne dort manche Patienten mit einem schweren Schicksal kennen, die trotz allem erstaunlich viel Fröhlichkeit, Gelassenheit und Zuversicht ausstrahlen. Andere lassen sich von scheinbaren Kleinigkeiten die Stimmung gründlich verderben und finden aus dem Jammern nicht heraus. Mir wird wieder einmal bewusst: Ob ein Mensch glücklich oder unglücklich ist, hängt nicht immer nur von den äußeren Lebensumständen ab.

Ist in schweren Stunden ein stilles Dulden oder ein heldenhaftes Ertragen gefragt? Nicht unbedingt!

„Als Jesus noch auf der Erde lebte, hat er sich im Gebet mit Bitten und Flehen an Gott gewandt, der ihn vom Tode erretten konnte; mit lautem Rufen und unter Tränen hat er seine Not vor ihn gebracht“ ( Hebräer 5 Vers 7 ). Tränen und der laute Schrei nach Hilfe dürfen sein! Auch Jesus hat in seinem Leben größte Verzweiflung erlebt, am Kreuz dann sogar das Gefühl, von Gott verlassen zu sein. Trotzdem hat er nicht aufgehört, nach Gott zu rufen. „Weil Jesus treu zu Gott hielt, ist er schließlich auch erhört worden“, fährt der Hebräerbrief fort. Jesus wurde nicht so erhört, wie er es sich zunächst erhofft hat. Das Leiden und der Tod blieben ihm nicht erspart. Und doch konnte er nicht tiefer fallen als in Gottes Hand. Gott hat Jesus durchs Leiden und den Tod hindurchgetragen, und er hat ihm ein neues Leben geschenkt.  Darum kann ich mich in schweren Zeiten mit meinem Gebet an Jesus Christus wenden und darauf vertrauen: Er weiß aus eigener Erfahrung, was die Leidenden durchstehen müssen. Er kann mich durchs Leiden hindurch begleiten, und er kann in Krisenzeiten die Hoffnung in mir wachhalten, dass wieder eine Zeit kommen wird, in der ich Gottes Nähe wohltuend erfahre.   

Johannes Weißenstein, Pfarrer in Giengen, Hohenmemmingen und Sachsenhausen  

Sonntagsgedanke, 07.02.2016

Zeugnistag 

In den letzten Tagen erhielten die Schülerinnen und Schüler in den Schulen ihre Halbjahresinformationen und Zeugnisse. Von manchen mit mehr, von anderen mit weniger Freude erwartet. Schließlich geben diese Informationen Aufschluss über die Leistungen, die die Schülerinnen und Schüler in den zurückliegenden Monaten erbringen konnten oder wollten. Gleichzeitig ist damit der Beginn des zweiten Halbjahres markiert, damit wirken sie als Bestätigung oder als Anregung und Anschub für das zweite Halbjahr.  

Bewertet werden darin Leistungen einschließlich des Verhaltens, die erbracht werden, nicht die Menschen an sich. Der Mensch hat seine Würde von Gott. Nach der Bibel ist der Mensch von Gott geschaffen und damit Geschöpf Gottes. Eine Bewertung des Menschen an sich ist also gar nicht möglich.

In negativer Weise geschieht Bewertung von Menschen durch Schimpfwörter, die sie abqualifizieren, beleidigen  oder mit Tieren vergleichen. Wenn derartige Ausdrücke verwendet werden, geschieht das in der Regel aus Wut und Ärger heraus und nicht in der Absicht einer objektiven Bewertung.

Bewertet werden kann Wissen. Für das Zusammenleben von uns Menschen ist nicht nur Wissen erforderlich, sondern Bildung im umfassenden Sinn, um die es in den Schulen und anderen Einrichtungen geht. Wissen allein reicht nicht, wenn man nicht weiß, wie man es anwenden kann. Erst durch Bildung können Zusammenhänge verstanden werden, kann eine eigene Position erarbeitet und eine Meinung gebildet werden, die fundiert ist. Ethische Fragen können ausschließlich mit Worten beantwortet werden, denen dann die Taten folgen. Das ist eine lebenslange Aufgabe, der sich Schulen und außerschulische Einrichtungen widmen. Die Wichtigkeit ist unbestritten, deshalb setzten sich die Reformatoren dafür ein, dass jeder lesen und schreiben können soll. Philipp Melanchthon forderte eine Schulpflicht für alle.  

Nochmals zum Anfang: Sollte nun die Halbjahresinformation nicht wie gewünscht ausgefallen sein, dann gilt Gottes vorbehaltlose Liebe als Vorbild, der uns Menschen liebt, so wie wir sind. Die Zusage in der Jahreslosung kann tröstlich sein, auch für Eltern, dass Gott tröstet, wie einen seine Mutter tröstet. Aus solchem Trost erwächst neue Hoffnung, Zuversicht und Energie für die nächsten Schritte. 

Johannes Geiger
Schuldekan

Sonntagsgedanke, 24.01.2016

Das verzeihe ich dir nie…. Hallt es durchs Treppenhaus, dann knallt die Tür und Stille.

Das verzeihe ich dir nie, wie oft haben wir das selbst schon gedacht oder gesagt. Dabei beten wir doch immer wieder im Vater Unser: … wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Dennoch tun  wir uns mit dem Vergeben schwer, denn Rache ist süß und will am liebsten kalt genossen werden  - so heißt es zumindest im Volksmund. Aber ganz abgesehen vom biblischen Reden von Vergebung sind es doch wir selbst, die an unseren Rachegedanken tragen und an den Verletzungen, die uns möglicherweise zugefügt wurden. Und die Verursacher, die Schuldigen? Die leben oft unbekümmert weiter und merken gar nicht, was man selbst ihnen alles nachträgt, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir selbst sind es, die Schuld und nicht Vergebenes nachtragen, in wörtlichem Sinne. Und oft genug schleppen wir schwer daran, manchmal über Jahre hinweg und werden darüber vielleicht sogar verbittert. Schon allein daran können wir erkennen, dass Vergebung zuallererst uns selbst hilft, wieder freier zu leben.

Die Bibel kennt unsere Probleme mit der Vergebung nur zu gut. Nicht umsonst fragt Petrus Jesus etwas angesäuert: Wie oft sollen wir vergeben? Ist sieben Mal genug? Und Jesus antwortet ihm darauf: Sieben mal 70 Mal solle er vergeben. Wohl wissend, dass wenn man 490 Mal vergeben hat, einen das grundlegend verändert.

Das ist ja alles schön und gut und biblisch außerdem, - mag man denken -  aber wohin mit meinem Zorn und meiner Verbitterung? Auch hierauf gibt uns die Bibel Antwort; „Mein ist die Rache spricht der Herr“, lesen wir im Römerbrief. Wie das verstanden werden kann, davon reden viele Psalmen. In vielen Psalmen bitten Menschen Gott andere zu strafen. Damit übergeben sie Gott oft neben der Vergeltung auch ihre Verbitterung. So werden sie wieder frei und können auch denen, die an ihnen schuldig geworden sind, befreit gegenübertreten, ihnen vielleicht sogar Gutes tun. Vielleicht denken wir mal daran, wenn Zorn oder Rachegedanken über uns kommen!

Pfr. Rolf Bareis, Brenz/Bergenweiler

Sonntagsgedanke, 09.01.2016

„Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt. – Wir machen den Weg frei.“

Seit Jahren wird mit diesem Spruch geworben. Offensichtlich mit Erfolg. In den Werbeclips bekennen Prominente wie Jürgen Klopp oder Menschen wie du und ich, was sie im Leben antreibt, was sie begeistert, welche Ziele sie sich setzen. Da kann man nur anerkennend zuhören und zuschauen – Respekt! Ein Trainer in seiner überschäumenden Freude am Spiel. Ein Forscher in seiner wissensdurstigen Begeisterung für die Wunder der Schöpfung. Ein Rentner, der noch einmal durchstartet und Aufbauhilfe in Ruanda leistet. Eine Pflegerin, die von der dankbaren Zuneigung ihrer Patienten Bestätigung erfährt. Gut, wenn jemand all das unterstützt. Das jedenfalls verspricht die Werbung.

Das Bibelwort, das über der neuen Wochen steht, spricht von etwas noch größerem. Es gibt tatsächlich etwas, das noch erfüllender, wertvoller, tröstlicher und heilvoller ist, als Spielfreude, Siegeswille, Forscherdrang, Naturbegeisterung, selbstloses Engagement oder auch das Bewusstsein, Gutes zu tun.

Es ist die Gewissheit, Gottes Kind zu sein; das Bewusstsein, von Gott geliebt zu sein. Ist das der Grundton, von dem mein Denken und Fühlen getragen ist, dann ist mein Leben geborgen in Gott. Diese Gewissheit steht nicht in Konkurrenz zur Begeisterung für Forschung und Spiel und klammert die Hinwendung zum Nächsten nicht aus. Im Gegenteil.

Die Gewissheit, Gottes Kind zu sein, sie macht mir allererst den Kopf frei. Sie gibt meinem Leben einen Halt, einen Rahmen und ein letztes Ziel. So kann ich mich sorglos dem hingeben, was mich begeistert und gut für mich ist. Voll Vertrauen weiß ich: Gott lässt mich ganz von selbst die Aufgaben finden, die gut sind für mich und für andere.

Gut, wenn ich etwas habe, das mich antreibt. Noch besser, wenn sich die Wege ebnen. Am besten – und entscheidend, wenn ich gewiss sein kann: Nach tollen Erfolgen und bitteren Fehlschlägen, nach sonnigen Wegstrecken und nach manchem Tasten im Nebel bin ich noch immer aufgehoben bei Gott. Denn für mich gilt (Römer 8,14): „Die der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“

Pfarrer Dr. Joachim Kummer
Pfarramt Giengen Mitte

Sonntagsgedanke, 03.01.2016

Trost fürs neue Jahr?

Wie auch in den letzten Jahren kann und will uns die Jahreslosung eine Hilfe für das neue Jahr sein. Für 2016 lautet sie: „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jesaja 66,13) Wir können uns da ganz konkret fragen: Wann und wo habe ich  solchen Trost erfahren? Da gibt es ja große Unterschiede zwischen warmherzigen und „kühlen“ Müttern. In welcher Situation hätte ich besonders echten Trost gebraucht? Vielleicht kam auch einiges im Nachhinein eher wie eine Vertröstung an.  Zum echten Trösten gehört das Mitleiden.  Wenn z.B. das Kleinkind gestürzt ist, zur Mutter rennt und von ihr auf den Arm genommen wird. - Jesus bietet echten Trost, da er im Tiefsten für uns gelitten hat. Er ist der Sieger über Not und Tod. - Wir leben noch in einer Zeit, in der wir immer wieder Trost brauchen. Wir leben in einer Art von „Zwischenzeit“ zwischen dem „schon jetzt“ und dem „noch nicht“. Noch gibt es das Leid, aber schon jetzt gibt es da oder dort Durchblicke auf das Ende des Leides und auf das kommende Reich Gottes. Dabei spielt der Glaube an Gott eine größere Rolle.  - Die beiden Worte, die am Anfang des Verses stehen, machen deutlich, wer tröstet: der allmächtige und barmherzige Gott. Und wir dürfen da von ihm lernen und uns von ihm „anstecken“ lassen, indem wir etwa jemanden helfen, uns für jemand Zeit nehmen … - Wer getröstet wird, wird  im Kontext des Verses klar. Es sind die „Elenden“ bzw. die „Verzagten“, wie es in Jesaja 66 heißt. Sie vertrauen dem Wort Gottes und nicht primär ihren Gedanken oder Gefühlen, ihren Fähigkeiten… Stattdessen lassen sie sich vom Wort Gottes korrigieren und leiten. - Was bedeutet „trösten“ im tieferen Sinn? Vorbild dafür ist eine liebende, sich für das Kind aufopfernde Mutter. Es gibt eine Verbindung zum „Tröster“ des Neuen Testaments: dem Heiligen Geist. Die Frage an uns Menschen ist, ob wir diesen göttlichen Trost zulassen. Voraussetzung ist da echtes Vertrauen bzw. eine wirkliche Vertrauensbeziehung zum lebendigen Gott. Ihm darf ich „erzählen“, wo ich Trost und Hilfe brauche. Und es gibt viele, die da mit IHM gute Erfahrungen gemacht haben: im AT und NT wie auch in unseren Tagen. ER lädt uns täglich dazu ein. 

Pfr. Thomas Auerswald, Herbrechtingen