Sonntagsgedanke, 13.12.2015 - 3. Advent

Selig sind die Verfolgten

Was sagt Jesus eigentlich über die Menschenrechte? Gar nichts. Es gab keine. So banal die Antwort ist, kommt es einem doch seltsam vor, dass es eine Zeit ohne Menschenrechte gab. Noch seltsamer wird einem dann aber, wenn man sich bewusst macht, dass in einer Vielzahl von Ländern es noch heute unmöglich ist, mit Anstand und Würde Mensch zu sein. Unterdrückung gehört zum meist praktizierten Mittel des Regierens. Dabei sind die Menschrechte, die in unserem Grundgesetz verankert sind, wirklich noch ein junges Pflänzchen. Erst 1948 wurden sie von den Vereinten Nationen erklärt. Am 10. Dezember jeden Jahres wird daran erinnert.

Aber dass man zu dem Thema von Jesus Christus keinerlei Äußerung findet, ist ein Irrtum. Zwar finden wir in der Bibel keine Menschenrechtserklärung, aber wir haben die Seligpreisungen: „Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Kinder Gottes heißen. Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“ Dem Bericht des Matthäusevangeliums zufolge musste die Familie Jesu selbst nach Ägypten fliehen vor den Nachstellungen eines machthungrigen Königs – kurz nach Weihnachten. Und während seines Wirkens in Galiläa und Judäa wurde Jesus von der Religionspolizei seiner Zeit zur Einhaltung einer einheitlichen Glaubensauffassung gezwungen. Letztendlich begründete das Fehlen des Rechts auf Religionsfreiheit den gewaltsamen Tod Jesu.

Die Erinnerung an die Menschenrechte in diesen Tagen hat also durchaus mit dem Leben und dem Sterben des Mannes aus Nazareth zu tun. Aus der christlichen Mitte heraus kann es nur um die Durchsetzung dieser Grundlage der Menschlichkeit gehen.

Aber der Glaube glaubt ja durchaus an mehr: Sanftmut wird als Grundhaltung in die Welt einziehen. Die Friedfertigen und nicht die Gotteskrieger werden sich als die wahren Söhne und Töchter des Höchsten erweisen. Die verfolgt sind, weil sie Gerechtigkeit suchen, werden Himmel und Erde vereinen. Das scheint einem ferne Zukunftsmusik zu sein, viel zu leise für das Gebimmel dieser Vorweihnachtstage. Und doch halten wir gerade in dieser Adventszeit diese Hoffnung aufrecht in den christlichen Kirchen, dass der Retter kommt, der Heil und Leben mit sich bringt. Nicht nur ein halbwegs gutes Leben schwebt den Christen vor, sondern ein befreites und gottbejahtes Leben. Nur bis es soweit ist, ist noch Aushalten geboten – und ein Weiterstreiten für einen Mindeststandart um leben zu können - eben: für die Menschenrechte.

Frank Bendler
Pfarrer in der Auferstehungskirchengemeinde Heidenheim

Sonntagsgedanke, 30.11.2015 - 1. Advent

Liebe Leserinnen und Leser,

In diesen Tagen treibt uns die Angst um. Terroristen bringen hunderte von unschuldigen Menschen ums Leben. Polizeieinsätze legen ganze Städte lahm wie in Brüssel oder Stadtteile wie beim Amokalarm an der Berufsschule in Heidenheim. Und vielleicht sieht auch ihre persönliche Zukunft nicht so rosig aus, weil ihr Arbeitsplatz unsicher geworden, ihre Gesundheit nicht mehr so stabil, ihre Familiensituation schwierig ist. 

Ich fand jedenfalls, dass es genug Anlässe gibt, in der Schule das Thema Angst anzusprechen. Die Zweitklässler sollten dazu aufschreiben und erzählen, was ihnen Angst macht. Da kamen Antworten wie Hund, Blitz und Donner und  „dass meine Schwester tot ist“. Die Schwester war zwar in den Stunden vorher noch etwas gewesen, das einem Schwierigkeiten macht. Aber sei´s drum, wer Geschwister hat, wird verstehen, wie wechselhaft die Beziehung sein kann.

Bemerkenswert fand ich, dass drei Jungs schrieben, sie hätten Angst vor „niks“ bzw. nichz“. Dabei macht mir weniger die Rechtschreibung Sorge. Vielmehr frage ich mich, wie es sein kann, dass ein Zweitklässler vor nichts Angst hat. Ich hoffe, das dies nicht nur Angeberei war. Ich wünsche mir sehr, dass es ein kindliches Urvertrauen zu sich selbst und in die Welt ist. Und letztlich ist es auch dieses Grundvertrauen, das ich den Kindern vermitteln möchte. Ein Vertrauen, dass wir trotz all unserer Angst einen Vater im Himmel haben, der die Hand über uns hält und uns auch auffängt, wenn wir fallen.

Nun hab ich nachgeschaut, was der Losungstext zum Sonntag ist – und siehe da, es ist ein Wort, das uns zu diesem Urvertrauen einlädt: Psalm 36,8: Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!

Dieser Psalm verschließt dabei nicht die Augen vor dem Bösen in der Welt. Er lädt uns vielmehr ein, uns auf die Seite von Gottes Gerechtigkeit zu stellen. Als seine Kinder können wir uns unter seinen Schutz flüchten wie ein Küken unter die Flügel seiner Vogelmutter. Jedes Menschenkind darf mit Gottvertrauen und ohne Angst durch die Welt gehen. Die Flügel der Engel wachen über uns. Wir alle leben aus Gottes Güte. Das sollte jedes Kind wissen und kein Erwachsener vergessen – trotz mancher Ängste.

Eine gelassene Adventszeit wünscht Ihnen
Pfarrerin Karin Keck, Mergelstetten

Sonntagsgedanke, 18.11.2015 - Buß- und Bettag

Pfarrer Steffen Palmer

Entscheidungen…

Angeblich trifft jeder erwachsene Mensch bis zu 2.000 Entscheidungen am Tag. Das fängt am Morgen an: nochmal die Schlummertaste drücken oder aufstehen? Kaffee oder Tee? Und ziehe ich noch einmal die muffeligen Socken vom Vortag an? Und so geht das weiter, den ganzen Tag…

Viele dieser 2.000 Entscheidungen sind banal. Aber manche sind zentral und – im wahrsten Wortsinn – entscheidend für mein ganzes Leben.

Es ist wie beim Autofahren. Auch da müssen wir uns entscheiden, an jeder Kreuzung. Links ab, rechts oder gerade aus? Jedes Mal entscheide ich über die Richtung, die ich einschlage. Und jedem Autofahrer ist klar: immer wieder muss ich kontrollieren, ob ich in der richtigen Richtung unterwegs bin. Permanent lesen wir Straßenschilder oder kontrollieren unser Navi.

Im Auto kontrollieren wir regelmäßig unsere Entscheidungen – und in unserem Leben?

Meine Erfahrung ist: oft hetzen wir von Tag zu Tag, von Entscheidung zu Entscheidung, ohne die Zeit oder die Kraft zu haben, in Ruhe zurückzublicken. Es geht in meinem Leben um die gleichen Fragen wie beim Autofahren: habe ich die richtigen Entscheidungen getroffen? Bin ich in der richtigen Richtung unterwegs? Oder muss ich die Richtung ändern?

Dafür gab es jahrzehntelang den Buß- und Bettag als arbeitsfreien Tag. Er war bewusst an einem Mitt­woch, mitten in der Woche platziert. Mitten im Alltag einmal anhalten, durchatmen und zurückblicken. Entscheidungen überdenken und in Ruhe auf die eigene „Lebensrichtung“ blicken. Das eigene Leben mit Gott besprechen („Bettag“). Und wenn es nötig ist: Entscheidungen korrigieren und die Richtung ändern („Bußtag“). Denn so definiert Martin Luther „Buße“ - als „Umkehr in die offenen Arme Gottes“.

Den Buß- und Bettag als arbeitsfreien Tag gibt es seit 20 Jahren nicht mehr. Und doch bleibt dieser Tag ein evangelischer Feiertag mit vielen Abendgottesdiensten – Zeit, um durchzuatmen und mit Gott über das eigene Leben nachzudenken. „Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin – und leite mich auf ewigem Wege“ (Psalm 139,24).

Pfarrer Steffen Palmer, Sontheim/Brenz

Sonntagsgedanke, 14.11.2015

Morgen ist Volkstrauertag und wir gedenken der Toten der Weltkriege. Wir gedenken der Menschen, die durch Gewalt gestorben sind, auf Befehl, weil Menschen über Menschen verfügten. So manchem unter uns kommen schmerzliche Erinnerungen an vermisste oder gefallene Angehörige und Kameraden oder an ermordete Menschen in Konzentrationslagern. Für uns Jüngere ist vieles weit weg und oft nur aus dem Geschichtsunterricht bekannt. Wir erinnern uns am Volkstrauertag und fragen gleichzeitig: Was dient dem Frieden?

Mir ist ein Gebet wichtig geworden, hier ein Auszug davon:

Den Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse: 

VATER VERGIB!

Das Streben der Menschen und Völker, zu besitzen, was nicht ihr eigen ist:

VATER VERGIB!

Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet:

VATER VERGIB!

Unseren Neid auf das Wohlergehen und Glück der anderen:

VATER VERGIB!

Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Heimatlosen und Flüchtlinge:

VATER VERGIB!

Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf Gott:

VATER VERGIB!

 

Dieses Gebet stammt aus Coventry, einer der englischen Städte, die 1940 in der Nacht vom 14. auf den 15. November durch deutsche Bomben zerstört wurden. Auch  die Kathedrale von Coventry wurde getroffen. Heute ist die Ruine eine Gedenkstätte. Seit über 50 Jahren treffen sich dort jeden Freitag Menschen und sprechen dieses Gebet.

Für mich macht das Versöhnungsgebet von Coventry deutlich: Gewalt und Krieg, Hass und Unrecht beginnen nicht erst da, wo Menschen mit Waffen aufeinander losgehen. Umso wichtiger ist es, dass wir Menschen uns für Versöhnung und Frieden einsetzen. Frieden beginnt, wo Menschen Schritte aufeinander zu gehen. Frieden beginnt, wo Menschen einander als Menschen sehen.

Sosehr Friede von unserem Mittun abhängt, sosehr ist Friede ein Geschenk Gottes, der es möglich macht, dass ich meinen Blick ändern kann auf andere Menschen, dass ich eingestehen kann, wo ich selbst Unfriede gesät habe, der es sogar möglich macht, dass aus Feinden Freunde werden. So wie es nach dem Zweiten Weltkrieg an vielen Orten geschehen ist.

Und so schenke uns Gott seinen Frieden. Und er mache uns zu Menschen, die Frieden stiften.

Hanna Nicolai, Pfarrerin in Bolheim

 

 

Sonntagsgedanke, 31.10.2015 - Reformationstag

Reformation „light“?

Die evangelischen Kirchen steuern das Jubiläumsjahr 2017 an – 500 Jahre Reformation! Unzählige Veranstaltungen sollen bis dahin dieses Ereignis ins Blickfeld der Gesellschaft rücken. Der 31.10.2017 wurde sogar zum gesetzlichen Feiertag ernannt. Schön!

Doch was feiern wir eigentlich? In einer Broschüre des „Reformationsjubiläum 2017 e.V.“ ist zu lesen: „Das feiern wir 500 Jahre danach: Menschen gestalten innovativ und zukunftsfähig Kirche und Gesellschaft ... Menschen bestimmen selbst über sich und miteinander im demokratischen Prozess.“ Solche Sätze klingen für mich wie Reformation „light“, weichgespült, dem Zeitgeist angepasst, ohne Ecken und Kanten. Im Zentrum der reformatorischen Botschaft steht jedoch etwas, das Widerspruch geradezu provoziert:

Da ist zunächst eine unangenehme Diagnose: „Mensch, du bist tot in deinen Sünden!“ Tot. Nicht nur verwundet oder krank. Und weiter: „Du kannst vor dem heiligen, ewigen und allmächtigen Gott nicht bestehen.“ Martin Luther verzweifelte bei dieser Erkenntnis. Alle eigenen Bemühungen, vor dem göttlichen Richter gut dazustehen, waren gescheitert. Doch dann ging ihm das Licht des Evangeliums auf. Luther erfuhr, dass Jesus Christus – und nur er! – den in seiner Sünde toten Menschen auferweckt. Gott bleibt nicht „Gott für sich“. Er wird zum „Gott für uns“. Und wie? Indem er seinen einzigen und einzigartigen Sohn zu uns sendet. Jesus stirbt für unsere Sünden, vernichtet sie komplett. Seine Auferstehung reißt auch mich aus dem Rachen des Todes. In Jesus ist mir Gott unendlich treu und gut. Ich muss keine Angst mehr haben vor Sünde, Gericht, Tod und Teufel. Ich gehöre ja nun ganz meinem Herrn und Heiland Jesus Christus. Dies glaube ich von Herzen.

Zugegeben: da klingt manches für heutige Ohren anstößig und sperrig. Aber kerniges Vollkornbrot ist mir allemal lieber als fades Weißbrot „light“. In diesem Sinne: ein gesegnetes Reformationsfest 2015! 

Andreas Neumeister, evangelischer Pfarrer in Steinheim

Sonntagsgedanke, 13.09.2015

Wo finden wir Heimat?

Ein Mann und seine Frau verlassen mit ihren beiden Söhnen die angestammte Heimat, weil sie dort keine Überlebenschance haben. Es gibt keine Arbeit. Es gibt nichts zu essen. Es gibt keine Zukunft. Und so machen sie sich auf in ein Land, wo es den Menschen besser geht. Dort ist alles anders als in ihrer Heimat: die Sprache, die Religion, die Lebensart.

Kaum sind sie sesshaft geworden und haben sich einigermaßen eingelebt und ihr Auskommen gefunden, stirbt der Mann und lässt seine Frau und die beiden Kinder unversorgt zurück. Als die Söhne älter werden, finden sie Arbeit und heiraten Frauen aus ihrem Gastland. Alles könnte nun gut werden. Die verwitwete Mutter lebt bei ihnen und ist versorgt. Doch, als sei es noch nicht genug, treffen zwei weitere Schicksalsschläge die Asylfamilie. Beide Söhne sterben - plötzlich, unerwartet – eine einzige Katastrophe. Übrig bleiben die beiden fremdländischen Schwiegertöchter und die altgewordene Mutter, die jetzt nichts mehr im fremden Land hält. Sie will zurück in ihre alte Heimat, nach Bethlehem.

Naomi heißt die Frau, deren Geschichte im biblischen Buch Ruth erzählt wird.

Ohne Heimat sein, heißt leiden – und Naomi leidet und will zurück; dahin wo sie geboren ist. Dort will sie sterben und begraben werden.

Ruth, ihre Schwiegertochter geht mit ihr. Für sie ist Bethlehem ein Dorf in der Fremde; nichts verbindet sie mit Israel und seinen Menschen, nicht die Sprache, nicht die Religion! Trotzdem sagt sie zu Naomi: Wo du hingehst, da will auch ich hingehen. Wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo Du stirbst, da sterbe auch ich, da will auch ich begraben sein.

Für Ruth ist Heimat noch etwas anderes als das vertraute Land, in dem sie geboren und aufgewachsen ist. Heimat ist für sie, wo Naomi ist. Heimat ist da, wo ich verstehe und wo ich verstanden werde. Zwischen diesen beiden Frauen ist das gegenseitige Verstehen so tief, dass Naomi für Ruth so etwas wie eine innere Heimat wird.

Auf einmal weitet sich der Begriff von Heimat. Heimat ist mehr als der Geburtsort, die Muttersprache, die vertraute Landschaft. Heimat ist, wo andere Menschen mir Heimat geben, mir zur Heimat werden.  

Wir schaffen das, sagt nicht nur Frau Merkel. Wir können das, sagt ein kleines Buch der Bibel seit 3000 Jahren!

 

Gabriele Walcher-Quast

Pfarrerin in Herbrechtingen

und Diakoniepfarrerin im Kirchenbezirk Heidenheim

Sonntagsgedanke, 16.08.2015

Das Ehepaar löst ein Kreuzworträtsel. Sie fragt ihn: „Weltmacht mit drei Buchstaben?“. Seine Antwort: „ICH!“ Bei diesem Witz fühle ich mich ertappt. In meinem Leben zumindest ist diese Weltmacht mit drei Buchstaben oft sehr bestimmend. Dann bin ich so sehr mit mir und meinen Gedanken beschäftigt, dass ich meine Umgebung kaum wahrnehme. Viele Konflikte und Streitigkeiten mit anderen entstehen dadurch, dass ich mir mehr Aufmerksamkeit von meiner Umgebung erhoffe als ich bekommen kann. Umgekehrt kann ich durch meine ständige Selbstbeschäftigung anderen die von ihnen erhoffte Aufmerksamkeit nicht zukommen lassen. Dies fördert wiederum das Konfliktpotential.

Im evangelischen Kirchenjahr steht über der neuen Woche ein Bibelwort als Wochenspruch, das diese Weltmacht mit drei Buchstaben entmachtet: „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ (1. Petrus 5,5) Hochmütig ist, wer auf seine eigene Kraft vertraut und sich selbst in den Mittelpunkt seiner Welt stellt. Er wird scheitern, weil sein Anerkennungsbedürfnis nie gestillt werden kann. Denn dieses Bedürfnis zu stillen, ist ähnlich erfolgversprechend wie der Versuch, den Grand Canyon mit einer Gießkanne zu füllen.

Demütig hingegen ist, wer von Gott alles erwartet. Wenn ich meine Grenzen kenne und weiß, dass die Welt nicht um mich kreist. Dann kann ich mit meinen Enttäuschungen und Verletzungen leben. Ich wende mich dem Mitmenschen zu, weil ich nicht pausenlos nur mit mir beschäftigt bin. Damit trage ich zum Abbau von Spannungen und Konflikten bei.

Vielleicht ist die Urlaubszeit eine Chance, einmal probeweise die Weltmacht mit drei Buchstaben pausieren zu lassen. Damit mehr Zeit zu haben für die Welt um mich herum. Zugleich mich auf den Gott zu besinnen, der mir wie allen Geschöpfen das Leben schenkt und erhält. Ich kann diese Sommertage nutzen, die Weisheit zu erfahren, die hinter diesem Satz steht: „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“

Ulrich Erhardt, evangelischer Pfarrer in Niederstotzingen

Sonntagsgedanke, 02.08.2015

Mir selbst gehören…

Eine Stresssituation schildert das Markusevangelium (6,20-32): Jesus und seine Jünger finden nicht einmal Zeit zum Essen, da ständig Leute kommen und etwas von ihnen wollen. In dieser Hektik lädt Jesus die Jünger ein: „Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus.“ In diesen Worten steckt ein gutes Programm. Man könnte sie geradezu als Einladung zum Urlaub verstehen.

Urlaub kommt von erlauben. Ich muss mir zuerst erlauben, dass ich einmal aussteigen darf aus dem Getriebe des Alltags. Ich muss mir erlauben, Nein zu sagen zu den Erwartungen derer, die ständig etwas von mir wollen. Ich muss mir erlauben, dass ich Zeit für mich brauche, anstatt nur immer für andere da zu sein.

Nun steht in der Bibel viel vom Dienen, von der Bereitschaft für andere da zu sein. Das soll auch gelten. Aber gerade darum ist es wichtig, auch das andere Wort Jesu zu hören: „Kommt mit!“ Das ist die Einladung, mit Jesus zusammen den Weg zu gehen. Ich kreise nicht mehr um mich selbst, ich verliere mich nicht mehr an die Anforderungen, die tagtäglich auf mich zukommen, sondern ich habe Zeit für die Beziehung zu Gott. Dabei kann ich mir bewusst werden, dass ich immer und überall begleitet bin von meinem Herrn, dass ich von seiner Nähe umgeben bin. Dabei kann mir auch klar werden, wie weit ich mich ständig von Anderen bestimmen lasse, wie weit die Ansprüche der Anderen mein Denken gefangen halten. Mit Jesus zu gehen, heißt so gesehen, zugleich mit sich selbst in Berührung zu kommen, mit den eigenen Bedürfnissen nach Freiraum und Geborgenheit.

Nun fordert Jesus seine Jünger auf, ihm an einen einsamen Ort zu folgen. Sich zurückziehen, Distanz bekommen zu dem, was mich umtreibt, ist auch eine Chance der Urlaubswochen. Zumeist gehen wir ja lieber der Einsamkeit und Stille aus dem Weg – vielleicht aus Angst, wir könnten unserer eigenen Wahrheit gegenübergestellt werden. Wären wir in der Einsamkeit nicht auch gezwungen, unsere eigene innere Armut anzuschauen? Würden Enttäuschungen und Verletzungen hochkommen? Würden Schuldgefühle aufsteigen? Die Angst vor Einsamkeit treibt in ständige Hektik. Immer muss etwas los sein. Aber wer dieser Einsamkeit aus dem Weg geht, der wird sich kaum erholen. Er wird auf der Flucht vor sich selber sein. Zu fliehen – das ist anstrengend; das raubt uns letztlich die Energie, die wir zum Leben brauchen.

Mir selbst gehören, kann ich, wenn ich Gott gehöre. Gott befreit von den Erwartungen und Ansprüchen der Menschen, von denen ich mich oft genug gefangen nehmen lasse. Wenn ich mich auf Gott einlasse, kann ich Ruhe finden.

 

Dekan Dr. K.H. Schlaudraff, Heidenheim

Sonntagsgedanke, 05.07.2015

Ramadan

Bis zum Jahr 2001 unterrichtete ich als Pfarrer in der Grundschule meines Dorfes ganze Klassen in evangelischer Religion. Der katholische Pfarrer hatte nichts dagegen, die örtliche Moschee auch nicht, und so waren die wenigen katholischen und muslimischen Schüler bei mir auch dabei. Dafür besuchte ich einmal im Jahr mit meinen Schülern die Moschee und die katholische Kirche.

Dann kam eine neue muslimische Schülerin. Sie trug ein Kopftuch und verunsicherte damit die anderen muslimischen Mitschülerinnen, die bisher kein Kopftuch trugen. Die Frage musste geklärt werden, ob das Kopftuch eine religiöse Pflicht sei. Ich fragte die Moschee und bekam zur Auskunft, dass das Kopftuch nur in der Moschee Pflicht sei. So blieb sie die einzige Kopftuchträgerin.

2001 verließ ich dieses Dorf. Inzwischen wäre so ein Modell des gegenseitigen Vertrauens und der Verständigung miteinander nicht mehr vorstellbar. Christentum und Islam entwickeln sich seither auseinander.

Derzeit feiern Moslems den Fastenmonat Ramadan. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang sollen Moslems weder essen noch trinken. Die Ernsthaftigkeit, mit der viele Moslems ihren Glauben pflegen, nötigt auch Christen Respekt ab. Doch bleibt bei manchen die Angst, ob diese Ernsthaftigkeit des Glaubens nicht auch zu Intoleranz und Fanatismus führen kann.

Auch in Königsbronn, wo ich wohne, ist dies zu spüren: Vielen wäre um einiges wohler, wenn sie wüssten, dass syrische Christen als Flüchtlinge kommen und nicht Muslime aus dem Kosovo oder Algerien. Aber diese Zusage kann der Landkreis nicht geben.

Gott hat nach der Bibel wie nach dem Koran den Menschen geschaffen. Jeder Mensch, ob Christ oder Moslem, ist ein Geschöpf Gottes, für das Gott da sein will. Intoleranz und Fanatismus kann eigentlich gar nicht Gottes Absicht sein.

Wichtig ist, daran zu erinnern, dass Verständnis und Vertrauen nur entstehen kann, wo man einander sich begegnet und miteinander spricht. Das bleibt die gemeinsame Aufgabe von Christen und Muslimen.

Christoph Burgenmeister, ev. Pfarrer, Königsbronn

Sonntagsgedanke, 21.06.2015

Ein Boot das trägt

Letzte Woche konnte ich mir einen Traum erfüllen. Ich habe mir ein kleines Kanu gekauft, ein Faltboot, mit dem ich jederzeit auf der Brenz fahren und die Ruhe des Eselnsburger Tals genießen kann. Was mich fasziniert, ist die Tatsache, dass dieses Boot mit seiner dünnen PVC-Plane zwei Erwachsene tragen kann. Sie sitzen mitten auf dem Fluss im trockenen Boot und brauchen keine Angst zu haben, dass sie untergehen. Nicht selten steigen Menschen anfangs eher zögerlich in solch ein Boot. Sie stellen erst ein Bein vorsichtig hinein und verlagern dann langsam ihr Gewicht darauf. Trägt das Boot auch wirklich? Wenn das Boot nicht allzu sehr wackelt und sie trägt, dann nehmen sie etwas entspannter Platz und beginnen die Natur zu genießen.

Auch Gott stellt uns ein Boot zur Verfügung, um damit sicher auf dem „Meer des Lebens“ zu fahren. Jesus lädt uns in Gottes Namen ein, zu ihm zu kommen und uns von ihm „tragen“ zu lassen. Er sagt: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“ Mit anderen Worten: „Nimm bei mir Platz! Verlass dich auf mich. Ich trage dich! Ich sorge dafür, dass du wieder erfrischt und fröhlich wirst.“

Ich mag diesen altmodischen Ausdruck: „mühselig“. Wenn ich ihn mir bildlich vorstelle, dann sehe ich vor meinem inneren Auge eine alte, müde gewordene Seele, vom Leben gezeichnet, auf einen Stock gestützt. Der Rucksack auf ihrem Rücken drückt sie nieder. Er ist gefüllt mit Ballast, den andere in ihrem Leben abgeladen haben und auch mit eigener Schuld. Sie ist müde und erschöpft vom Tragen. Da sieht sie dieses Angebot und hört die Worte Jesu: „Nimm Platz bei mir und lass Dich tragen!“ Sie fragt sich, ob das Boot auch wirklich trägt. Zögerlich steigt sie ein. Sie hat nichts zu verlieren. In seiner Nähe erlebt diese Seele Geborgenheit und Liebe, Vergebung und Frieden. Von ihm getragen entdeckt sie wieder die Schönheiten des Lebens. Gottes Boot trägt uns ganz sicher!

Samuel Kißner, Pastor der Ev. Brückengemeinde Heidenheim

Sonntagsgedanke, 07.06.2015

„damit wir klug werden“  

das ist das Motto, unter dem der 35. Deutsche Evangelische Kirchentag steht, der in diesen Tagen in Stuttgart stattfindet. Über 100 000 Menschen jeden Alters, unterschiedlicher Konfessionen und Religionen und ganz verschiedener Herkunft sind beisammen, um ein Fest des Glaubens zu feiern und über die Fragen der Zeit nachzudenken und zu diskutieren.

„Damit wir klug werden“ – das ist ein guter Leitgedanke. Klug werden – klug an die Probleme herangehen, vor denen wir stehen, ganz persönlich, in der Kirche, in der Gesellschaft, in der Welt.

Wie aber werden wir klug? Müssen wir es überhaupt werden, wir sind doch klug, oder?

Es gibt etliche Menschen, die ganz und gar überzeugt sind, dass nur sie die Wahrheit, dass nur sie den richtigen Weg kennen.  Mich schrecken solche Menschen, ehrlich gesagt, eher ab.

Denn ich bin ich überzeugt,  dass in jeder und jedem von uns  kluge Gedanken stecken, Gedanken und Wissen über richtig und falsch, über das, was weiterhilft und das, was uns in Sackgassen führt.

Der Kirchentag bietet Raum für  kluge Gedanken ganz verschiedener Menschen und er bietet Raum und Zeit für den Austausch, damit wir weiterkommen und neue Einsichten gewinnen.

Ich wünsche mir dringend diesen Raum auch sonst in der Kirche, einen Raum, in dem wir einander mit Achtung begegnen und auch anderen Menschen kluge Gedanken zutrauen.

Der Leitsatz des Kirchentages ist ein Teil eines Psalmverses. Dort in Psalm 90,12 heißt es:

„Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“.

Klug ist jemand, der erkennt, dass unser Leben hier endlich ist. Ein kluges Herz erkennt, dass unser Leben von Gott her kommt und zu Gott zurückkehrt und dass es von Gott her seine Wert bekommt, unser eigenes Leben und das Leben der anderen Menschen. Wenn ich mein Leben so von Gott her sehe und begreife, dann weiß ich auch, dass ich nicht alleingelassen bin in allen Schwierigkeiten.

Bitten wir doch Gott um seine Hilfe, wo wir nicht mehr weiter wissen, damit wir klug werden! 

Pfarrerin Anna Mielitz, evangelische Zinzendorfkirchengemeinde in Heidenheim

Sonntagsgedanke, 24.05.2015 - Pfingsten

Pfingsten – ein Fest mit verschiedenen Dimensionen

50 Tage nach Ostern und 10 Tage nach der Himmelfahrt Jesu sind die Jüngerinnen und Jünger in Jerusalem zusammen. Nach dem Abschied von Jesus sind sie traurig, mutlos, ohne Trost und Kraft. Sie verstehen vieles nicht. Jesus hat ihnen zwar verheißen, dass Gott ihnen den heiligen Geist als Tröster senden wird, doch die Verzweiflung und Angst unter ihnen ist groß.

Genau in dieser Situation der Ratlosigkeit und Verzweiflung ereignet sich das Pfingstwunder, von dem in der Apostelgeschichte erzählt wird. Lukas erzählt von einem gewaltigen Brausen, einem gewaltigen Wind, der das ganze Haus erfüllte. Den Jüngerinnen und Jüngern erschienen Zungen, zerteilt wie von Feuer, und auf jede und jeden ließ sich eine nieder – der Heilige Geist kam über sie.   

Es war unbegreiflich - die Männer und Frauen hielt nichts mehr im Haus. Sie redeten in aller Öffentlichkeit frei und „begeistert“ von Gott und Jesus in vielen Sprachen. Manche Zuhörende hielten sie für betrunken, andere waren von ihrem Reden überzeugt und ließen sich taufen.

Soweit die Erzählung vom Pfingstwunder. Warum feiern wir heute noch Pfingsten?

Weil der Heilige Geist, als eine Dimension Gottes, auch heute noch Menschen berührt und bewegt. Die „Feuerflammen“ in der Pfingstgeschichte sind ein Bild für die Wirklichkeit des Heiligen Geistes, dass Gott im Menschen anwesend ist. Durch den Heiligen Geist kommt Gott uns Menschen ganz nah – das ist nur schwer beschreibbar, man hat nichts Konkretes in der Hand und kann nichts vorzeigen. Aber die Wirkung ist groß: Ratlosigkeit und Unsicherheit werden überwunden. Aus der Gottesbegegnung kommt Ermutigung und Vergewisserung, Aufbruch und Erneuerung – auch heute. Damit hat das Pfingstfest eine sehr persönliche Dimension.

Wenn man von etwas „begeistert“ ist, erzählt man das auch den anderen. Die Jüngerinnen und Jünger redeten in Sprachen, die alle Menschen verstanden. Der Heilige Geist überwindet die Babylonische Sprachverwirrung, bringt völlig Neues – die Menschen verstehen sich auf einmal! Hier scheint eine Dimension auf, die uns Christinnen und Christen auch heute noch trägt, dass ein Dialog und eine Verständigung über Grenzen hinweg, um den ganzen Globus herum, stattfinden. Dass Versöhnung und Frieden, ein Verstehen des Anderen und das Eintreten füreinander möglich sind. Zu der Beziehung zu Gott tritt die Beziehung zueinander. Wir feiern Pfingsten als Gemeinschaftsfest, im Bewusstsein, dass wir zusammen gehören.

Pfingsten gilt als der Geburtstag der Kirche, denn seit dem Pfingstwunder breitet sich das Evangelium in alle Welt aus, damals und heute, allen Verfolgungen und der Gleichgültigkeit zum Trotz. Die „eine“ weltumfassende Kirche ist sehr vielfältig. Sie spricht viele Sprachen und lebt in verschiedenen Kulturen. Die Vielfalt erleben wir vor Ort in unseren Gemeinden, wenn wir an Pfingsten ein lebendiges Miteinander in Ökumenischen Gottesdiensten feiern. Die weltweite Dimension des Pfingstfests wird z.B. in Stuttgart am Pfingstmontag erlebbar, wenn die Gemeinden anderer Sprache und Herkunft in der Stiftskirche zusammen mit uns ein „Fest der weltweiten Kirche“ feiern!

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Pfingstfest!
Eva Glock, Mitglied der Landessynode und der EKD-Synode

Sonntagsgedanke, 12.04.2015

Gott zum Gruß! Oder: „Gibt es einen Bier-Gott?“

Liebe Leserinnen und Leser,

In meinem Wohnort wird gerade die Begrüßungstafel am Ortseingang neu gestaltet. Kinder malen fröhliche Bilder und dazu kommen Worte, die den Vorbeikommenden ein Lächeln schenken oder frohen Mut machen sollen. Auf einem der Entwürfe stand neben dem Bild unserer Kirche: „ Grüßt Gott“. Das machte mich stutzig.

Wollen/Sollen wir denn Gott grüßen, wenn wir einander begegnen und „Grüß Gott“ sagen? Genauso wundern sich ja viele Norddeutsche, wenn sie unseren Gruß hören und bisher nur Guten Tag oder Hallo kannten.

Meine Nachforschungen zur Wurzel dieses Grußes ergaben: Ursprünglich heißt dieser Wunsch  Grüße dich Gott (oder in der Mehrzahl Grüßt euch Gott). Aus dem Bayrischen kennt man das als Griaß di, im Schweizerdeutschen sagt man Grüezi.  Bedeuten soll das eigentlich Gott segne dich, Gott erfreue dich, Gott schenke dir einen guten Tag.

Ein ähnlicher Wunsch versteckt sich auch, wenn man zum Abschied Ade, Adieu oder Tschüß sagt: Man befiehlt den andern Menschen a Dieu , das heißt dem Schutz Gottes an.

Auf Schwäbisch hört man nur noch selten den Abschiedsgruß: Bhia-Gott. Als Kind habe ich da manchmal gerätselt, ob es etwa einen Bier-Gott gibt, weil das immer so ähnlich klang. Auf Bayrisch begegnet dieser Gruß noch häufiger, nämlich als  Bhüetdi oder Pfiati Gott. Und auch das heißt: Behüte dich Gott!

Also nicht wir grüßen Gott, sondern er wünscht uns Freude für den Tag. Das ist es eigentlich ja auch, was auch auf unserer Begrüßungstafel stehen soll: Gott schenke Ihnen / Euch einen fröhlichen, guten, gesegneten Tag! 

In diesem Sinne sagt Ihnen Grüß Gott und  Bhia-Gott

Pfarrerin Karin Keck, Mergelstetten (und Setzingen)

Sonntagsgedanke, 29.03.2015 - Palmsonntag

Die Eindrücke dieser Woche, die Bilder des schrecklichen Flugzeugabsturzes in Frankreich begleiten uns in den Sonntag. Die Berichte lösen tiefe Trauer aus. Es gibt wohl niemand, den die Bilder von der Absturzstelle nicht erschüttert hätten. Und als uns dann am Donnerstag die Nachrichten über die Ursache des Unglücks erreichen, wird die Fassungslosigkeit noch gesteigert, wenn das überhaupt möglich ist. Nicht vorstellbar ist eine solche Handlung, dass ein Mensch 150 andere mit in den Tod reißt. Das ist der Stand, als diese Zeilen entstehen, wobei damit gerechnet werden muss, dass noch zusätzliche Details ermittelt werden.

Die nächsten Gedanken und das Mitgefühl gelten den Angehörigen der Menschen, die ums Leben kamen, die aus dem Leben gerissen wurden. Das Mitgefühl gilt den Angehörigen der Besatzung und der Passagiere. Besonders auch den Angehörigen der Schülergruppe, die auf dem Rückweg war.

Auch am Palmsonntag begleiten uns diese Eindrücke. Sie machen nicht nur traurig, sie machen auch nachdenklich. Es wird wieder bewusst, dass Unvorstellbares geschehen kann. Viele, die in den Osterferien verreisen, machen sich zusätzlich Gedanken.

Auch in diese Ereignisse und Eindrücke hinein erinnert der Palmsonntag an den Einzug Jesu in Jerusalem. Als er in die Stadt kommt, ist zu erkennen und zu spüren, dass er den Menschen nahe ist. In ihm kommt Gott uns Menschen nahe. Gerade in unserer Welt, in der wir trauern, in der Menschen unter Gewalt und Hunger leiden.

So gehen die Gedanken zu den Angehörigen der Opfer, so gehen die Gebete zu Gott um seinen Beistand für die trauernden Menschen, um Trost und Hilfe. Für die Trauernden und für die Menschen, die versuchen, ihnen beizustehen. Das Gebet um Hilfe und Kraft auch für die Helfer, die an der Absturzstelle ihre gewiss nicht leichte Aufgabe erfüllen. Wo Worte nicht trösten können, begleitet uns die Bitte um Gottes Nähe auch in diesen Tag.

Johannes Geiger

Sonntagsgedanke, 08.03.2015

Nach was halten wir Ausschau?

Nach wärmeren Tagen? Dass uns der Frühling viel Sonne mit angenehm milden Temperaturen beschert? Dass wir die Natur wieder mehr nutzen und uns an den Gärten freuen können? Dass wir einen Spaziergang ohne Jacke machen oder gar schon mal den Grill anwerfen können?

Vielleicht hat der eine oder andere auch einen bevorstehenden Urlaub im Blick, der Erholung oder spannende neue Eindrücke verspricht.

Ziele, die vor uns liegen und denen wir entgegenleben, halten uns in Bewegung und lassen uns Vorfreude erleben. Wenn wir dagegen nur auf der Stelle treten und uns zu viel um die alltäglichen Probleme sorgen, dann verlieren wir früher oder später den Überblick und kreisen nur noch um uns selbst.

Ein Wort aus Psalm 25 regt uns dazu an, den Blick weg von sich selbst und hin zu Gott zu richten:
„Meine Augen sehen stets auf den Herrn; denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen.“

Dieser Psalmvers ist dem 3. Sonntag der Passionszeit (8. März) zugeordnet und gab ihm seinen Namen: „Oculi“ (lat. die Augen). Nicht zufällig, denn die Passionszeit möchte uns die Augen für die göttliche Perspektive in unserem Leben öffnen. Sie möchte unseren Blick auf Jesus lenken, in dem Gott unser menschliches Leiden geteilt und am Kreuz auf sich genommen hat. So gehen wir den Leidensweg Jesu in Gedanken mit. Wir lernen auf den zu schauen, der am Ostermorgen den Tod – sowie alles, was uns lähmt, gefangen nimmt und umbringt – hinter sich gelassen hat. Schritt für Schritt bewegen wir uns auf das Fest des Lebens an Ostern zu.

Halten wir dabei Ausschau nach Gott, der mit uns leidet, wo wir es schwer haben, und der uns mit Ostern neue Lebensaufbrüche schenken möchte.

Immer wieder mal innehalten, einen befreienden Blick zu Gott wagen und ermutigt nach vorne schauen – diese Erfahrungen wünsche ich Ihnen für die diesjährige Passionszeit von Herzen.

Hannes Jäkle
Pfarrer in Nattheim / Oggenhausen

Sonntagsgedanke, 22.02.2015

„Du bist schön!“

Wer hörte nicht gern ein solches Kompliment. Mag sein, dass es uns verlegen macht. Aber wir freuen uns darüber und haben das Gefühl, aufzublühen und unsere Lebendigkeit neu zu spüren.

„Du bist schön! Sieben Wochen ohne Runtermachen“ - so lautet das Motto der diesjährigen evangelischen Fastenaktion, die mit dem vergangenen Aschermittwoch begonnen hat.

Wohlgemerkt, es lautet nicht: „Schöner werden!“ 

Unter diesem gnadenlosen Zwang, stets noch mehr aus sich herauszuholen und schöner, besser, schneller zu werden, stehen wir viel zu oft. Die Fastenaktion möchte Entlastung schaffen und gegenseitige Bestärkung fördern. Sie lädt ein, sieben Wochen lang bewusst auf alles „Runtermachen“, wie es genannt wird, zu verzichten.

Für mich, das gebe ich ehrlich zu, ist das keine ganz einfache Übung. Nicht, dass ich zu denen gehörte, die an allem und jedem herummäkeln und das Haar in der Suppe geradezu suchen. Nein, das nicht. Aber nur auf das Schöne und Gute zu sehen, alles zum Besten kehren, wie Luther es sagt, und eben nichts und niemanden, auch nicht mich selbst, „runterzumachen“, das fällt mir nicht so leicht. Oder schaffen Sie es, schon morgens Ihrem Spiegelbild freundlich zuzunicken und in bester Laune auszurufen: Du bist schön!

Anderen die Wertschätzung auszusprechen, geht besser. Längst schon wissen wir, dass ein „Nicht geschimpft ist schon genug gelobt!“ nicht stimmt. Ab und an brauchen wir ein Wort des Dankes und der Anerkennung.

Darum werden wir in diesen Wochen ermuntert, uns mit Lob statt Kritik zu begegnen. Aber hat das noch mit der Passion Christi zu tun? Sind wir in dieser Zeit nicht vielmehr aufgefordert, Buße zu tun und auf unsere Schuld und Sünde zu sehen? Gewiss, aber wir bedenken dabei: Jesus Christus hat sich für uns „runter gemacht“.  Er hat uns mit der Hingabe seines Lebens in einer Weise hoch geschätzt, die uns zu wertvollen Menschen macht. Von ihm aus und durch ihn betrachtet gilt für uns und andere: Du bist schön!

Dorothea Schwarz, Pfarrerin in der Paulus-Wald-Kirchengemeinde Heidenheim

Sonntagsgedanke, 08.02.2015

Von der Schönheit der Worte

In Zeiten, in denen über Lerninhalte an den Schulen heftig gestritten wird und manch einer kundtut, er sei in seinem bisherigen Leben gänzlich ohne Gedichtinterpretationen ausgekommen, möchte ich an eine große Dichterin deutscher Sprache erinnern. Anlass ist der 85. Geburtstag am 8. Februar 2015, den Eva Strittmatter aber nicht mehr feiern kann. Sie ist vor vier Jahren nach schwerer Krankheit in einem Altenheim verstorben. Ein Gedicht mit dem Titel „Frühling“ berührt mich:

Man irrt sich, wenn man den Winter nimmt / als gesetzliche Klagezeit / um den Sommer, der verloren ist, und / häkelt ein Leibchen aus Leid.

Mit einmal steht man bass dumm da: / März ist und nichts bereit! / Wohin mit dem härenen Zährenhemd? / Woher ein Frühlingskleid?

Man muss es schon im Winter machen. / Einen leuchtenden Protest / gegen Kälte und all die vergänglichen Sachen. / Aus dem unvergänglichen Rest.

Die Bilder sprechen für sich und knüpfen an biblische Rede an. Zwar ist dort von keinem „gehäkelten Leibchen aus Leid“ die Rede, wohl aber von Sack und Asche, vom Gewand, das Selbsterniedrigung und Umkehr bedeutet. Beim „härenen Zährenkleid“ denken Bibelleser unwillkürlich an das raue Kamelhaargewand Johannes des Täufers. Besondere Freude habe ich am „Frühlingskleid“, dem „leuchtenden Protest gegen Kälte und all die vergänglichen Sachen“. Obgleich es sich nicht um religiöse Lyrik handelt, entdecke ich Anliegen unseres christlichen Glaubens: Das Unzeitgemäße wagen, sich dem Trend entgegenstellen, nicht einfach nur jammern, weil es alle tun, sondern einen leuchtenden Protest dem sozialen Kältetod entgegensetzen. Unvergänglichkeit mehr gelten lassen als alle vergängliche Sachen. Gedichte und ihre Interpretation sind vielleicht nicht lebensnotwendig, wenn man Schreiben und Lesen nur gelernt hat, um Formulare auszufüllen. Gedichte sind Verschwendung an eine knausrige Welt, die sich angewöhnt hat, alles nach seinem Nutzen zu beurteilen. Dabei wohnt den schönen Worten der Dichter eine große Kraft inne: Sie bewegen das menschliche Gemüt. Sie können erfreuen, erheitern, trösten, aber auch reizen und aufrütteln. Sie sind Nahrung für den Geist und Wohltat für die Seele. Und darum gehören Gedichte und die Kunst ihrer Interpretation in einen anständigen Bildungsplan.

Iris Carina Kettinger
Pfarrerin in der Auferstehungsgemeinde Heidenheim
Mitglied der 15. Württ. Evang. Landessynode

Sonntagsgedanke, 22.01.2015

Liebe deinen Mitmenschen, denn er ist (nicht) wie du.

„Gott gebe allen, die mich kennen, zehnmal mehr als sie mir gönnen“. Jedes Mal, wenn ich diese  Hausinschrift in Weißenstein lese, schüttle ich innerlich den Kopf.  Der in Stein gemeißelte Satz: “Manchem zum Trotz zurück in der alten Heimat“, löst als Grabinschrift eine ähnliche Reaktion aus.  Schmunzeln kann ich dagegen über den hochbetagten Arzt, der, weil er nach Volkes Meinung  eine zu junge Frau erwählt hat, jetzt via Hauswand dem Geschwätz entgegnet: “Wer da bauet an der Gassen,  muss die Leute reden lassen“! Aber, was um Himmels willen, machen wir eigentlich mit unseren Mitmenschen?                                                                                                                                                  Unsere eigenen Macken sind uns lieb und wert und vertraut.  Aber frisch, fromm,  fröhlich, frei  legen wir scheinbar mit Recht unsere ganz persönliche Messlatte an alles und jeden! Der Mitmensch, geliebt trotz Ecken und Kanten, funktioniert  vielleicht gerade noch innerhalb der eigenen Familie. Die neuen Nachbarn aus einem anderen Kulturkreis jedoch, der WG-Mitbewohner mit seinem anderen Sauberkeitsverständnis  oder der Nächste und dessen anders praktizierter Glaube,  sind oftmals die Keimzelle, die aus Mitmenschen Gegendemonstranten werden lässt.  Was nicht in unser Raster hinein passt, gilt als maßlos und lästig oder bedroht schlimmstenfalls die Existenz des Abendlandes. Taugt also die Jahreslosung 2015 “Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zum Lob Gottes“ (Römerbrief 15,7) nur zu Gottes Lob, aber nicht für den Alltag?  Das „ich übe mich in Toleranz“, „ich bin geduldig und ich lasse mal fünfe grade sein“, ist in der Praxis oft richtig schwer auszuhalten.  Aber es kann eingeübt werden: Denn Toleranz ist wie ein Muskel, der in Bewegung gehalten werden will, sonst wird er steif und unbeweglich. Deshalb wünsche ich Ihnen gerade in diesen Zeiten: Bleiben Sie geschmeidig und tolerant, und nehmen wir einander an, so wie uns schon Christus angenommen hat, damit wir zum Lob Gottes taugen.

 

Dr. Waltraud Bretzger
Mitglied der 15. Württembergischen Evangelischen Landessynode

Sonntagsgedanke, 11.01.2015

Das „Weihnachtspulver“ schon verschossen?“

Am 2. Weihnachtsfeiertag sah ich bereits den ersten Weihnachtsbaum auf der Straße liegen.

War es ein weihnachtlicher Familienstreit, der den Weihnachtsbaum aus dem Haus beförderte? Oder war einfach das „Weihnachtspulver“ schon verschossen? Nach dem Motto einer schwedischen Möbelfirma: Wir feiern das Ende der Weihnachtszeit und werfen den Weihnachtsbaum hinaus, damit wir wieder Platz haben um einkaufen zu können.

Wer die Weihnachtszeit mit diversen Feiern schon in den November und Dezember vorverlegt, der weiß dann schon an den Weihnachtsfeiertagen und danach nichts Sinnvolles mehr mit Weihnachtsbotschaft anzufangen.

Weihnachten beginnt mit dem 25. Dezember. Die Weihnachtszeit endet mit Lichtmess am 2. Februar. In dieser nachweihnachtlichen Zeit könnte man doch viel sinnvoller sein „Weihnachtspulver“ verschießen.

In einem irischen Weihnachtslied wird das nachweihnachtliche Thema aufgenommen:

Wenn der Gesang der Engel verstummt ist,
wenn der Stern am Himmel untergegangen,
wenn die Könige und Fürsten heimgekehrt,
die Hirten mit ihrer Herde fortgezogen sind,
dann beginnt erst das Werk von Weihnachten:
Die Verlorenen finden,
die Zerbrochenen heilen,
den Hungernden zu essen geben, die Gefangenen freilassen,
die Völker aufrichten,
den Menschen Frieden bringen,
in den Herzen musizieren.

Pfarrer Armin Leibold
Ev. Kirchengemeinde Schnaitheim

Sonntagsgedanke, 04.01.2015

Von allen Seiten…

Paulus schreibt in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth: „Von allen Seiten dringen Schwierigkeiten auf uns ein, und doch werden wir nicht erdrückt.“ (2.Kor. 4, 8)

Paulus musste in seinem Leben mit vielen Schwierigkeiten kämpfen: Er war mehrere Male im Gefängnis, er wurde ausgepeitscht und gesteinigt und war immer wieder vom Tod bedroht.

Drei Mal hat er buchstäblich Schiffbruch erlitten und trieb einen ganzen Tag und eine ganze Nacht im Mittelmeer herum.

Schwierigkeiten und Nöte gehören zu unserem Leben. Manchmal sind es nicht nur ein paar Schwierigkeiten, manchmal kommt einfach alles zusammen: finanzielle Sorgen, Probleme im Beruf, dann die gesundheitlichen Probleme und die Schwierigkeiten in der Familie. Und dann auch noch all die Probleme in der Welt: der Flugzeugabsturz, das Fährunglück, der IS-Terror, die Klimaerwärmung…

Bei all dem könnte man verzweifeln und mutlos die Arme sinken lassen – wenn es da nicht noch die ganz andere, viel größere Realität gäbe.

Im Psalm 139 heißt es: Von allen Seiten umgibst du mich, o Herr, und hältst deine Hand über mir.“

Paulus lebte jeden Tag mit diesem Wissen, dass Gott größer ist als alle Schwierigkeiten, mit denen er konfrontiert war. Deshalb sagt er: „Von allen Seiten dringen Schwierigkeiten auf uns ein, und doch werden wir nicht erdrückt“ – denn Gott ist bei mir, er umgibt mich von allen Seiten und hält seine Hand über mir!

Pfarrer Andreas Kammer, Mergelstetten