Sonntagsgedanke, 02.05.2021

Arbeiten ist mehr als Geldverdienen

„Dann haben wir also alles besprochen?“, fragt mich die Konfirmandenmutter beim Gespräch zum anstehenden Fest. „Es ist nämlich so, ich muss gleich noch weg, Ware einräumen beim Discounter.“ Es ist 19:30 Uhr. Ich verabschiede mich. Die Konfirmandenmutter wird für zwei oder zweieinhalb Stunden noch zur Arbeit gehen.

Morgen ist 1. Mai, der Tag der Arbeit. Ein Samstag, aber auch am Samstag wird gearbeitet und sonntags ebenso. Vielen wird es gar nicht mehr auffallen. Und zurzeit steht ja auch ganz anderes im Fokus. Künstler, Kulturschaffende, Gastronomen, Fitnessstudio-Betreiber  haben keine Arbeit und würden sich welche wünschen. Ärztinnen, Pfleger, Heimbetreuer ersticken in ihrer Arbeit. Verkäuferinnen dürfen mal Ja, mal Nein arbeiten. Erzieher, Lehrerinnen arbeiten unter erschwerten Bedingungen. Wieder andere versuchen sich in Homeoffice... Und jeder sagt: Es muss ja irgendwie weitergehen. Kann da noch jemand über den Wert der Arbeit nachdenken? Ist es etwa ein Luxus, dass Arbeitsbedingungen eingehalten werden. Oder gegebenenfalls sogar verändert werden. Zum Beispiel bei der Konfirmandenmutter, die angerufen wird, wenn es Arbeit gibt, ansonsten aber keinen Vertrag für eine gerechte Arbeit hat. So wenig wie der Spargelstecher, der Arbeiter in der Fleischfabrik oder der Paketauslieferer. Jegliches „Es muss ja weiter gehen“ darf nicht automatisch in ein „Weiter so“ münden.

In der Bibel steht zum Thema Arbeit nur der lapidare Satz: Ein  Arbeiter ist seines Lohnes / seiner Speise wert (1. Timotheus 5,18).  Das, was geleistet wird, muss sich auch auszahlen. Es muss den Menschen ernähren und muss auch menschlich sein. Zugleich darf es an Arbeit aber auch nicht fehlen. In der Benediktinerregel, eine der ältesten Mönchsregeln, heißt es kurz und bündig: Betet und arbeitet. Somit ist Arbeiten ein wesentlicher Teil des frommen Daseins. Weil der Mensch nach Gottes Bild geschaffen ist, ist in ihm auch das Schöpferische – und das findet sich wieder im Schaffen. Was alle stumpfsinnige, unkreative und nicht mitbestimmbare Arbeit ausschließt. Nun ist es nicht so, dass man auf dem Weg dahin nicht auch schon viel erreicht hat. Dass arbeiten zu können ganz wesentlich zum Menschsein dazu gehört, hat aber auch der große Diakoniegründer Gustav Werner bekundet: Er schuf Werkstätten für die Armen. Was heute kaum noch jemand weiß: Einer der Ingenieure in diesen diakonischen Werkstätten hieß Gottlieb Daimler und er lernte dort den mittellosen und waisen Wilhelm Maybach kennen, der später Direktor in dem neu gegründeten Automobilwerk wird.

Natürlich: Auch bei Daimler wird in Schicht gearbeitet und auch an Wochenenden und feiertags. Dennoch muss auch dort neu ausgehandelt werden wie die nötige Mobilitätsumstellung nicht überdurchschnittlich den Mann oder die Frau am Band belastet. Und eben auch dafür gibt es ihn: den Tag der Arbeit.

Frank Bendler
Pfarrer in der Auferstehungskirchengemeinde Heidenheim

Sonntagsgedanke, 18.04.2021

HIRTENKRITIK

Der zweite Sonntag nach Ostern ist traditionell dem Bild vom guten Hirten gewidmet. Schon in den Psalmen wird damit der fürsorgende Gott beschrieben: Der Herr ist mein Hirte. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser (Ps23).

Im Johannesevangelium stellt sich Jesus selbst unmissverständlich in diesen Zusammenhang hinein: Ich bin der gute Hirte (Joh10).

Einen harten Kontrast zu diesem Bild stellen die Zeilen dar, die im Propheten Hesekiel zu lesen sind (Hes34). Beißende Kritik an den Hirten des Volkes hören wir da und harsche Worte über solche, die ihre Herden ausbeuten und vernachlässigen, statt sie zu weiden und zu hüten.

Mancher mag in solcher Kritik Bestätigung finden für sein eigenes Unbehagen in dieser Zeit. Mancher mag bei den Leitenden in unseren Regierungen und Verwaltungen auch so inkompetente Hirten sehen wie die, von denen Hesekiel spricht.

Ich sehe Menschen in der Verantwortung für Stadt und Kreis, für Land und Bund, die sich aufrecht mühen und sich Nächte um die Ohren schlagen auf der Suche nach den rechten Strategien, um der Pandemie zu begegnen. Diese Männer und Frauen haben es nicht verdient, diffamiert und beleidigt zu werden. Sie haben nichts gemein mit den maß- und rücksichtslosen Hirten beim Propheten Hesekiel, denen es nicht um das Wohl der Gemeinschaft ging, sondern nur um den eigenen Vorteil.

Zumal bei uns nicht Hirten auf der einen Seite stehen und unmündige Schafe auf der anderen. Wir haben Menschen, denen besondere Aufgaben in Regierung und Verwaltung übertragen wurden, und Bürgerinnen und Bürger, die in ihrem Bereich ebenso für das Wohl der Gemeinschaft wirken. Wir stehen in einer gemeinsamen Verantwortung für unsere Gesellschaft und werden diese Krise nur gemeinsam bewältigen. Die Hoffnung, dass wir sie bewältigen, nehme ich aus meinem Glauben an den guten Hirten Jesus aus Nazareth, der Menschen Anteil gibt an seinem Geist, der Kraft gibt, Liebe schenkt und uns befähigt klug und besonnen zu handeln.

Dekan Gerd Häußler
Evangelischer Kirchenbezirk Heidenheim

Sonntagsgedanke, 03.04.2021

„Mütend“

Ein neues Wort hat sich in den deutschen Wortschatz geschlichen. Mütend – die Mischung aus „müde“ und „wütend“. Dieses Mischwort beschreibt die Stimmungslage vieler nach einem Jahr Corona und Lockdown treffend.

Wir sind müde nach einem Jahr Verzicht auf vieles, was bisher unser Leben ausmachte: Sport in Verein und Studio, gemeinsames Musizieren, Theater, Kino, zwanglose Begegnungen.  Diese Müdigkeit macht wütend. Wütend auf wen? Eigentlich auf das Virus - aber das kümmert sich augenscheinlich um unsere Wut kaum. Daher lenken wir die Wut auf andere: auf alle, die Verordnungen machen und durchsetzen, die uns mit Masken, Tests und Impfstoff versorgen sollen, aber daran oft scheitern. Schließlich häufig gegen Menschen, die zufällig in unsere Zorneswolke geraten. Doch letztlich bleibt die Wut hilflos und ohnmächtig.

Was also tun, wenn wir mütend sind? Vielleicht einfach die Perspektive wechseln. Vom Wort „mütend“ die letzten drei Buchstaben und die zwei Pünktchen über dem „ü“ streichen. Übrig bleibt: „Mut“. Mut, sich die eigenen Gefühle erst einmal einzugestehen. Ja - ich darf „mütend“ sein. Und niemand kann etwas dafür, dass es so ist. Dann: Mut, Spielräume zu nutzen, die es trotz aller Beschränkungen gibt, auf andere zuzugehen – in Echtzeit, per Telefon, mit Papier oder digital. Mut, die Sorge um die Gesundheit und die Sorge um die Gemeinschaft auszubalancieren. Mut, die Hoffnung nicht aufzugeben: unser Leben wird nicht von Viren bestimmt, so beherrschend sie gerade scheinen.

Mut macht, dass es wieder Ostern wird. Für manche mag die erwachende Natur und die Sonne die Stimmung und damit den Mut steigern. Für mich als Christ ist es aber noch viel mehr die Osterbotschaft selber: der gekreuzigte Christus lebt. Wir vertrauen einem Gott, der Leid und Tod zu besiegt. Die Auferstehung Jesu gibt Hoffnung auf ein Leben über den Tod hinaus. Sie macht Mut, auch in diesem Pandemie-Alltag trotz allem „Mütend“-Sein mit Mut das Leben zu gestalten.

Ulrich Erhardt, evangelischer Pfarrer in Niederstotzingen

Sonntagsgedanke, 21.03.2021

Liebe Leserinnen und Leser,

anfang der Woche rief eine Freundin bei mir an. Sie lebt allein, geht im Schichtbetrieb ihrer Arbeit nach, erholt sich an freien Tagen und freut sich auf Zeiten, in denen sie wieder unbekümmert Freundinnen treffen und uneingeschränkt Reisen darf. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. „Es geht nichts vorwärts“ sagt sie mit Blick auf die Corona-Pandemie. „Und eigentlich tun wir nichts anderes als hoffen.“

So geht es vielen und auch mir. Wir hoffen - auf bessere Zeiten, auf ein Ende der Pandemie und auf das, was wir seit einem Jahr vermissen: Kontakte, Begegnungen, Besuche, Konzerte, Reisen, Feiern und Feste. Hinzu kommt, dass viele ihren Beruf nicht ausüben können und von Kurzarbeitergeld, staatlichen Zuwendungen oder ihren Rücklagen leben.
Ich bewundere alle, die die Hoffnung nicht aufgeben haben, unbeirrt weitermachen, sich auf aktuelle Lagen einlassen und der derzeitigen Krise trotzen. Das ist gerade eine große Aufgabe und Herausforderung: an der Hoffnung festzuhalten und sie nicht aufzugeben.

Inzwischen haben wir schon ein ganzes Jahr ausgehalten. Und nun gilt es, auch die nächsten Monate zu überstehen. Da fällt mir das ein, was Dietrich Bonhoeffer vor fast 80 Jahren über die Hoffnung, genauer gesagt über Optimismus, geschrieben hat:

„Optimismus ist seinem Wesen nach keine Ansicht über die gegenwärtige Situation, sondern eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignieren, eine Kraft, den Kopf hoch zu halten, wenn alles fehlzuschlagen heißt, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen, eine Kraft, die die Zukunft niemals dem Gegner überlässt, sondern für sich in Anspruch nimmt. Es gibt gewiss auch einen dummen, feigen Optimismus, der verpönt werden muss. Aber den Optimismus als Willen zur Zukunft soll niemand verächtlich machen. Er ist die Gesundheit des Lebens, die der Kranke nicht anstecken soll... Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.“

Diese Lebenskraft haben wir nötig. Lasst uns miteinander optimistisch bleiben und an der Hoffnung festhalten. Nur gemeinsam wird uns das gelingen.

Michael Williamson, Pfarrer, Schnaitheim

Sonntagsgedanke, 07.03.2021

Schauinsland

Der Name des Freiburger Hausberges (1284 m) lässt einen schmunzeln. Vom Aussichtsturm auf dem Gipfel sieht man bei schönem Wetter auf die umliegenden Schwarzwaldberge, aufs Rheintal und bis hinüber zu den Vogesen sowie im Süden auf die Schweizer Alpen. Der faszinierende Ausblick gab dem Berg seinen Namen. Oder anders gesagt: der Name ist Programm: „Schau ins Land!“

Die Sonntage vor Ostern tragen einen lateinischen Namen nach dem Anfangswort des Wochenpsalms. So heißt der morgige Sonntag „Oculi“ (meine Augen), nach Worten von Psalm 25: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn.“

Auch der Name dieses Sonntags ist Programm. Bleibt unser Blick bei uns selbst stehen? Endet er in unserem unmittelbaren Umfeld? Oder reicht er weiter?

Der Psalmvers weitet unseren Blick: „Schau-ins-Land“ hinaus und richte deinen Blick auf Gott mit seiner ganzen Schöpfung.

So sind wir offen für die Situation unserer Mitmenschen. Wir schauen mit offenen Augen auch auf die schwierigen Seiten des Lebens, auf Konflikte, in denen wir stehen, und auf die globalen Herausforderungen, die einem Angst machen können (Klimaveränderung, militärische Konflikte, Unterernährung, Wasserknappheit, Pandemie...).

Es ist also ein Hinschauen („Schau-ins-Land“). Wir heben unseren Blick auf zu Gott und zu unseren Mitmenschen.

Und Gott selbst? Er schaut gewiss nicht weg, wenn es um die schwierigen Seiten unseres menschlichen Lebens geht. Das zeichnen die Wochen vor Ostern im Kirchenjahr nach: die sogenannte Passionszeit oder Leidenszeit Christi. Der Weg Jesu führt durch Konflikte, falsche Anschuldigungen, Enttäuschungen und menschliches Versagen hindurch bis zu seiner Gefangennahme, Verurteilung und Kreuzigung. Gott macht sich in Jesus auf den Weg zu uns – bis hinein in die dunkelsten Seiten menschlichen Lebens.

Deshalb ist das Programm des morgigen Sonntags das Beste, was wir Menschen tun können:

„Unsere Augen schauen stets auf den Herrn.“

„Schau-ins-Land“ und hebe deine Augen auf zu Gott.

Denn er schaut auf dich und ist mit dir unterwegs.

Hannes Jäkle
Pfarrer in Nattheim / Oggenhausen

Sonntagsgedanke, 21.02.2021

Seit Mittwoch heißt es wieder: „7 Wochen ohne – Die Fastenaktion der evangelischen Kirche 2021“. Brauchen wir das? Vor allem in diesem Jahr? Ist uns nicht schon genug „Fasten“ zugemutet worden in den vergangenen Wochen und ob wir wollen oder nicht, werden uns noch weitere Wochen zugemutet. Das waren meine ersten Gedanken bevor ich mich entschlossen habe auch in diesem Jahr wieder an der Aktion teilzunehmen. Und es waren die ermutigenden Erfahrungen der letzten Aktion im ersten Lockdown: „Zuversicht! Sieben Wochen ohne Pessimismus“. Das brauche ich immer noch. Manches bleibt aktuell und dabei gar nicht so einfach es im Leben umzusetzen. Jedoch, ohne Zuversicht lebt es sich schwerlich. Es bleibt eng, eingeschränkt, ohne die Weite eines offenen Raumes. Einen offenen Raum, welcher mir Leben ermöglicht und Freiraum gibt, Leben mit anderen zu teilen. Einen „Spielraum“, wie es die Aktion 2021 überschreibt.

„Gemeinschaften brauchen Regeln.“ So schreibt Arnd Brummer, Geschäftsführer der Aktion. „Doch zu den Regeln gehört Spielraum. Und dessen Auslotung ist eine Kunst. Dass es auf Erden keine absolute Wahrheit gibt, kann man in Demokratien vielfach erkennen. Parlamente und Gerichte beraten in schwierigen Fällen darüber, wie eine Ordnung auszulegen ist. Im persönlichen Miteinander braucht es zudem Liebe, Gnade und Großzügigkeit. „Hier gilt nur, was ich für richtig halte“ – diese Haltung blockiert auf ganzer Linie. „Lass uns mal darüber reden, wie wir das hinkriegen, obwohl wir verschiedener Meinung sind“ – das eröffnet Spielräume.“

Vielleicht gelingt es da und dort Blockaden zu überwinden und in Offenheit, ohne in Spielregeln und Ordnungen, die ich mir auch selbst gebe, gefangen zu bleiben, aufeinander zuzugehen. Wir brauchen das Gespräch. Wir brauchen diesen Spielraum, damit wir gemeinsam die Herausforderungen die uns das Leben stellt wahrnehmen und auch zuversichtlich angehen können.

Brauchen wir das? - So habe ich gefragt. Vielleicht gerade in dieser Zeit und Situation ganz besonders. Vielleicht haben Sie Lust noch mitzumachen. www.7-wochen-ohne.de

Ulrich Abele – Diakon
Geschäftsführer der Evangelischen Erwachsenenbildung

 

Sonntagsgedanke, 17.01.2021

Wenn aus Wasser kein Wein wird

Bei der Hochzeit in Kana wurde aus Wasser bester Wein. Wunder wie diese geschehen selten. Gebete erfüllen sich oft nicht. Wasser bleibt Wasser, Gott ist kein Erfüllungsautomat. Niemand weiß, was Gott mit der Welt vorhat.

Bei der Hochzeit von Kana, Mittelpunkt der Evangelischen Gottesdienste für den vergangenen Sonntag, geht den Feiernden der Wein aus. Der Wein steht für die Freude, für Fröhlichkeit und Lebendigkeit. Gut, dass Jesus da ist. Aber er zögert, lässt sich bitten. Und er vollbringt ein Wunder: Sechs Krüge voll Wasser verwandelt er in Wein. Staunen ringsherum. Die Hochzeitsgesellschaft kann mit Freude und noch besserem Wein weiterfeiern.

Wunder wie diese geschehen selten. Gebete erfüllen sich nicht, wie ich es möchte. Wasser bleibt Wasser. Ich weiß, Gott ist kein Erfüllungsautomat. Ich kann nicht in seine Karten schauen. Ich weiß nicht, was er mit mir, den Menschen, der Welt vorhat.

Ein Freund von uns ist schon viele Jahre in der geschlossenen Psychiatrie untergebracht. Er hat den Wein und die Lebensfreude nie verachtet, war ein toller Kerl. Jetzt ist er ein Wrack. Die Lebendigkeit ist aus seinen Augen gewichen. Ich bete: „Gott, kannst du nicht unserem Freund wieder ein wenig Lebensfreude und Gesundheit schenken?“ „Kannst Du nicht mir meine Krankheit wegnehmen? Kannst Du nicht meinen Kindern ein wenig mehr Vernunft schenken? Hörst Du?“  Keine Antwort. Schweigen.

In diesem Jahr wird es keine klassische Vesperkirche geben. Nur eine Vespertüte können wir ausgeben. Kann Gott das auch egal sein? „Gott, kannst Du nicht Corona beenden?“ Wieder Schweigen.

In der Seelsorgeausbildung hat mir dereinst ein guter Kollege reinen Wein eingeschenkt. Er meinte, ich sollte nicht auf die Erfüllung der Wünsche starren. Ich sollte nicht auf den Himmel vertrösten. Er ermutigte mich, Menschen aussprechen zu lassen, woran sie leiden und wonach sie sich sehnen. Wasser und Wein: Die Diskrepanzen des Lebens nicht auflösen, sondern in Bewegung halten, mit aushalten, hinhalten auf ein Morgen, auf Gott hin. Und Menschen so ermöglichen, dass sie den Alltag bestehen. Das sei ein Wunder.

Unserem Freund in der Psychiatrie sagen wir beim Verabschieden: „Wir kommen wieder“. Und er sagt dann: „Ja, kommt wieder. Ich freue mich!“

Den Menschen, die sich die Vespertüte in der Pauluskirche abholen werden, sind wir nahe als SeelsorgerInnen und Gesprächspartner. Treu und in aller Enge und selbst leidend an den Zuständen möchten wir doch signalisieren: Wir hören Euch zu, Ihr seid für kurze Zeit nicht alleine und eingesperrt. Wir halten das mit Euch und miteinander aus. Die Unvernunft meiner Kinder streichle ich zärtlich und meine eigene Krankengeschichte -ach mit der kann man leben!

Dann wird aus Wasser kein Wein- aber das stillt den Durst! Und Fröhlichkeit und Lebendigkeit -vielleicht blitzen sie ja ein ganz klein wenig auf. Dann gilt, was Hilde Domin einst schrieb:
Nicht müde werden, sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten.

Eure Pfarrerin Eva-Maria Busch

Sonntagsgedanke zu Heilige Drei Könige (06.01.2021)

EPIPHANIAS (ERSCHEINUNGSFEST)

Konfirmandenunterricht, Thema Kirchenjahr - Die christlichen Festtage. „Wer kann mir sagen, was wir am Erscheinungsfest feiern?“

Schweigen, Unverständnis, Langeweile.

Ich versuche, jungen Leuten den Sinn dieses Feiertags zu erläutern und merke, dass ich mich damit ziemlich schwertue.

Eine berechtigte Forderung an die Kirchen lautet, wir sollen nahe bei den Menschen sein. Das wollen wir wirklich, und das tun wir in der Kirche auch vielfach.

Trotzdem kommt mir die Frage: Wenn wir dazu aufgefordert werden, den Menschen nahe zu sein und das auch gerne möchten, warum haben wir uns dann offenbar von ihnen entfernt?

Das Erscheinungsfest (Epiphanias) feiern – tun wir das? Oder „begehen“ wir es nur und freuen uns an einem freien Tag – der doch sowieso noch in den Schulferien liegt. Weihnachten, das feiern wir (wenn die Umstände es zulassen). Wir freuen uns mit allen unseren Sinnen daran, dass Gott Mensch geworden ist.

Dann beginnt das neue Jahr und der erste christliche Feiertag will verdeutlichen, wer das in Wahrheit ist, der da als Baby in einem Stall geboren wurde.

Es ist ein Fest, das nicht einmal überall in Deutschland gesetzlicher Feiertag ist.

Ich nenne der Konfirmandengruppe das Datum des Erscheinungsfestes. Die Antwort lautet: „Ach so, Sie meinen Heilige drei Könige“.

Lassen Sie uns als Christen aller Konfessionen gemeinsam feiern und gemeinsam den Menschen nahe sein.

Bernhard Philipp
Pfarrer in Nattheim und Fleinheim-Dischingen

Sonntagsgedanke zu Heilig Abend (24.12.2020)

Gott wird verletzlich, bedürftig, gefährdet – einfach: Mensch

Von den Windeln, in die das Jesuskind gewickelt wurde und von der (Futter-) Krippe, in die es gelegt wurde, erfahren wir mehrfach in der vertrauten Weihnachtsgeschichte bei Lukas.

Die entscheidende Botschaft steht dabei einzigartig im Mittelpunkt: „Euch ist heute der Heiland geboren“, also Jesus, in dem Gott zu uns kommt. Zugleich wird eindringlich wiederholt, wie menschlich Gott ankommt: verletzlich, bedürftig und gefährdet. Man muss den Heiland wickeln. Er braucht einen Schlafplatz. Wie könnte er ohne die Fürsorge von Maria und Josef überleben?

So ausgeliefert, angewiesen auf Hilfe, sind wir Menschen. Ganz am Anfang des Lebens gilt das für alle, am Ende für die meisten wieder. Selbst erwachsen brauchen wir Essen und Trinken, Wärme, Kleidung, Behausung, Schlaf, immer wieder Medizin und auch Gemeinschaft. Jetzt in der Pandemie sind wir besonders darauf angewiesen, dass andere helfen, uns zu schützen. Ständig leben wir davon, dass andere uns verzeihen und uns verstehen.

Wenn nun Gott in unsere Welt kommt, um als Heiland unser Leben ganz und heil zu machen, gibt es zwei Möglichkeiten. Die eine wünschen wir uns oft: dass Gott uns die Bedürfnisse für immer erfüllt. Wir wünschen, dass kein Virus uns schaden kann, dass wir keine teure Wohnung brauchen, dass wir nur Freude am Essen, aber keinen Hunger haben.

Aber Gott geht den anderen Weg. Er selbst lernt es in Jesus, in Windeln gewickelt zu sein und in einer Krippe zu liegen. Die Geburt von Jesus zeigt: Der wahre, menschliche Mensch, ist der, der Ja sagen kann dazu, dass er angewiesen, sogar abhängig ist von anderen Menschen, von der Umwelt und dem Klima. Im Glauben erkennen wir dazu: in allem sind wir abhängig von Gott. Hilfreich und liebevoll, vernünftig und rücksichtsvoll in diesem Wissen zu leben: darum geht es. Gott verleiht dem wirklichen Leben unverletzliche Würde, gerade dem verletzlichen, bedürftigen, gefährdeten – also unserem Leben. Dazu wird er Mensch. Feiern wir das am Christfest!

Schuldekan Dr. Harry Jungbauer

Sonntagsgedanke zum 1. Advent (29.11.2020)

Advent wird anders

Kein Schlendern über den Weihnachtsmarkt beim Duft von Glühwein und Gewürzen. Kein Naschen von kandierten Früchten und gebrannten Mandeln. Kein fröhliches Treffen mit Freunden. Keine festlichen Weihnachtsfeiern im Betrieb oder im Schulkollegium. Keine Adventskonzerte mit vielen Besuchern.

Advent wird anders, das steht fest. Es wird stiller in diesem Jahr und vielleicht auch ernster, weil wir uns Sorgen machen über die Zukunft. Ob wir uns davon verstören lassen oder ob wir in der so ganz anderen Adventszeit eine Chance entdecken, liegt auch an unserer Einstellung. Denn Advent ist schon immer eine besondere und ahnungsvolle Zeit. Und eine dunkle Zeit bei allen Lichtern, die wir entzünden. Da ist die Dunkelheit, die sich durch Corona über die Welt gelegt hat, nur ein Moment in der unendlichen Reihe menschlicher Dunkelheiten.

„Das Volk das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht; und über denen, die da wohnen im finsteren Lande, scheint es hell.“, lautet die adventliche Botschaft des Propheten Jesaja. Vielleicht zünden wir in diesem Jahr die Kerzen am Adventskranz bewusster an. Vielleicht stellen wir eine Kerze ins Fenster für alle, die noch einsamer, noch trauriger, noch ärmer sind, als wir selbst. Die vielen Lichter sind Zeichen der Sehnsucht nach Licht in den dunklen Zeiten unseres Lebens und der Finsternis in der Welt. Mitten in alle Dunkelheit wurde Jesus Christus geboren, das Licht der Welt, das „Heil und Leben mit sich bringt“. Er kommt zu uns in unser verzagtes Gemüt und befreit uns von der irrigen Ansicht, in dieser brüchigen und vieldeutigen Welt alles selbst regeln und schaffen zu können.

Advent ist nicht nur eine besondere Zeit, sondern eine Haltung. Eine Haltung, die entgegen aller Hoffnungslosigkeit auf den wartet, der alles Dunkel dieser Welt lichtet. Vielleicht können wir die irritierende Stille in diesem Jahr dazu nutzen, unserem Ahnen, Sehnen und Hoffen mehr Raum zu geben um den zu empfangen, der längst schon zu uns unterwegs ist. Advent wird anders – aber dennoch gut.

Pfarrerin Iris Carina Kettinger, Evang. Auferstehungskirchengemeinde Heidenheim

Sonntagsgedanke, 25.10.2020

„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist …“ So heißt es im Wochenspruch für die kommende Woche. Wie schön wäre es, wenn wir einen Plan hätten, was richtig und gut ist! Dann müsste unsere Regierung nicht im Trüben fischen, welche Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie wirkungsvoll helfen. Die Bevölkerung wäre nicht gespalten in ihren Überzeugungen darüber, was gerade richtig und falsch ist, ob Maske tragen ein Zeichen von Zivilcourage oder Unterdrückung ist. Alles wäre so einfach!

Die schlechte Nachricht ist: Schon bei Adam und Eva ist dieser Plan nach hinten losgegangen. Wir Menschen scheinen nicht dazu bestimmt zu sein den totalen Überblick zu haben. Die alltäglichen kleinen und großen Entscheidungen kann uns niemand abnehmen. Auch kann uns niemand von der Verantwortung entbinden immer wieder zu hinterfragen und zu überprüfen, was wir tun und warum wir bestimmte Überzeugungen pflegen.

Für mich als Christin ist der Wochenspruch trotzdem eine Hoffnungsbotschaft:  Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott (Micha 6,8). Bei allen schwierigen Entscheidungen des Lebens gibt es zwei Kriterien, an die ich mich halten kann.

Zum einen die Liebe: Wir werden es nicht schaffen, in allen Streitfragen einen gesellschaftlichen Konsens zu erreichen. Doch es ist schon viel erreicht, wenn wir dabei den Respekt vor dem anderen nicht verlieren. Wenn Andersdenkende beschimpft und in eine Ecke gestellt werden, ist nichts gewonnen aber ein friedliches Miteinander schier unmöglich gemacht.

Zum anderen die Demut: Ich bin und bleibe ein Mensch, ich kann nicht in die Zukunft schauen und nichts Übermenschliches leisten. Auch bleibt mein Wissen immer begrenzt. Demut bedeutet anzuerkennen, dass wir in all unserem Tun fehlbare Menschen bleiben, so gut wir es auch meinen. Demut bedeutet für mich als Christin auch, dass es letztendlich nicht ich bin, die den Gang der Welt zum Guten wenden kann, sondern allein Gott.

Dina Streib, Pfarrerin in Zang

Sonntagsgedanke, 18.10.2020

Er trägt einen schwarzen schweren Umhang, wie im Mittelalter typisch. Eine passende schwarze Kopfbedeckung und ein Gewand, das sagt: „Hey Leute, ich bin ein „Gscheitle“, ich darf an der Uni Lehren.“ In der einen Hand hält er eine Gänsefeder und in der anderen eine aufgeschlagene Bibel. Als Playmobilfigur steht er auf meinem Schreibtisch und hüpft ab und an mit in meine Schultasche. Martin Luthers Zeit, das 15. Jahrhundert fasziniert Kinder: Da gab es noch die Plumpsklos, die Ritterburgen, die Wegelagerer und Raubüberfälle auf Kutschen, die Prinzessinnen und Tafelmale. Wir überlegen uns, warum wir froh sind, nicht schon vor 5oo Jahren gelebt zu haben: Da gab es nur wenig Medizin, und wenn dann nur für die, die sie sich leisten konnten. Damals hat die Pest, die Menschen an Leib und Leben bedroht und heute 500 Jahre später bedroht die gesamte Welt ein anderer gefährlicher Virus. Vieles hat sich doch weiterentwickelt, doch die Fragen der Menschen sind oftmals dieselben: Was ist mir wichtig in meinem Leben, wofür lohnt es sich zu kämpfen und mehr Einsatz zu zeigen? Und an wen kann ich mich wenden, wenn ich an meine Grenzen komme? Dr. Martin Luther ist an diesen Fragen fast wahnsinnig geworden: Egal, was ich tue, wird es reichen, damit andere mich mögen, wird es reichen, dass Gott es gut mit mir meint? Das sind auch Fragen, die Kinder heute interessieren. Wir nennen sie auch die schweren Fragen, auf die es eben kein einfaches Ja oder Nein gibt. Das hatte auch das „Gscheitle“ Dr. Martin Luther kapiert: Er hat dann beim Stöbern in der Bibel eine Entdeckung gemacht, die sein bisheriges Fühlen und Denken komplett auf den Kopf gestellt hat: Gott liebt dich gratis, du musst nicht erst dies oder das erreichen, damit es Gott gut mit dir meint. Und auch, wenn es mal nicht so gut läuft, heißt das nicht im Umkehrschluss, dass du Gott nicht gut genug bist. Gott will auch dann in den grauen Tagen an deiner Seite stehen und mit dir da durch gehen. „Dr. Gscheitle“ so haben meine 4.Klässler Dr. Martin Luther mit einem verschmitzten Lächeln getauft, und gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass er mit seiner Entdeckung den Kindern auch heute nach 500 Jahren Mut zuspricht, ihr Leben anzupacken, Ihre Ängste und Sorgen auch gegenüber Gott auszusprechen und darauf zu hoffen, dass er es zum Guten wenden kann.

Pfarrerin Daniela Kisser, evangelische Kirchengemeinde Bolheim

Sonntagsgedanke, 20.09.2020

Lebe JETZT

Das Mädchen sitzt am Strand. Sie lässt Sand von der einen in die andere Hand rieseln. Immer wieder, hin und her. Hört auch das Meer rauschen, die Wellen brechen. Sie schaut genau hin, fühlt, staunt und lauscht.
Sollte sie nicht das Meer entdecken, das Wasser ihre kleinen Füße umspielen lassen, Muscheln sammeln? Sie könnte die Menschen in ihrer Badekleidung mustern, vor dem Jungen zurückweichen, der den 1,5m Abstand missachtet oder aufpassen, dass kein Möwenkot auf ihrem Kopf landet. Will sie denn kein Eis, Pommes?
Sie sollte, sie könnte, will sie denn nicht… - nein, das Mädchen ist einfach da.
Das Mädchen verweilt still - die Sandkörner hin und her wiegend. Sie nimmt den Sand wahr, wie er ist. Und lässt ihn sein, wie er ist.
Das Mädchen strahlt Gelassenheit aus, Dankbarkeit, einen tiefen Frieden. Die Berieselung (des Sandes) macht sie keineswegs stumpf, im Gegenteil: Sie strotzt nur so vor Lebensfreude, Neugierde und Kraft.
Für mich ist das Mädchen am Strand ein Bild für die Begegnung mit Gott. Gott offenbart Mose seinen Namen; die hebräische Bezeichnung kann übersetzt werden mit: „Ich bin, der ich bin“ oder „Ich bin der ‚Ich bin da‘“ (2. Buch Mose 3,14).
Wir sind oft mit unseren Gedanken in der Vergangenheit und Zukunft verhaftet, mit Urteilen und Bewerten, Vollbringen und Machen beschäftigt. Gottesbegegnung braucht unsere Präsenz, unsere Hingabe im Augenblick, unsere einfache Wahrnehmung. „Wenn ich innehalte, finde ich in meinem Innern Halt“, formuliert Anselm Grün. Die Natur ist eine wunderbare Lehrmeisterin für ein präsentes Dasein. Im staunenden Betrachten der Natur können wir uns frei machen von innerer Unruhe, uns getragen fühlen und loslassen. Wir lernen uns selbst und unsere Mitmenschen nicht ständig zu bewerten und in Denkkategorien einzusperren, sondern anzunehmen und einfach sein zu lassen. Ich glaube, auch die Begegnungen mit unseren Mitmenschen und uns selbst werden ge-halt-voller, wenn wir ihnen mehr Präsenz schenken, im Hier und Jetzt leben. Besonders in diesen herrlichen Spätsommertagen lädt auch und gerade in der Corona-Pandemie ein Spaziergang durch Wald und Wiesen zur Gottesbegegnung ein.

Pfarrerin Silke Kuczera, Versöhnungskirche Heidenheim

Sonntagsgedanke, 06.09.2020

Bussgeldbescheid

Ein schöner Urlaub im Ausland kann Wochen später einen faden Beigeschmack bekommen, wenn ein Amtsbrief ins Haus flattert und schnell klar ist, dass es sich um einen Bußgeldbescheid handelt.

Da kann mitunter schon ein höherer Betrag draufstehen, der richtig weh tut.

„Das kann doch gar nicht sein! Das hätte ich doch gemerkt!“, ist nicht selten unsere erste Reaktion. Mal schauen, auf welcher Strecke das gewesen sein soll und ob wir da überhaupt langefahren sind.

Und wenn wir dort waren, dann muss wahrscheinlich der Ehepartner am Steuer gewesen sein.

Erstaunlich, wie wir mit allen Mitteln versuchen Schuld von uns abzuweisen.

Sie ist unangenehm, sie belastet, wenn vielleicht auch nicht das Gewissen, so zumindest den Geldbeutel. Die Strafe nicht zu begleichen, wird meistens noch viel teurer!

Schuld ist seit Anbeginn der Menschheit ein Thema. Wie oft fahren wir schnell über jemanden hinweg oder fahren ihm in die Parade. Dabei entsteht nicht nur Blechschaden, sondern Beziehungsschaden, den wir nicht mehr gutmachen können. Nicht nur Gottes Schöpfung, sondern auch Gott persönlich behandeln wir oft ohne Respekt.

Irgendwann, spätestens am Lebensende, so sagt es die Bibel, flattert dann der Bußgeldbescheid Gottes in unser Leben und wir müssen dafür die Verantwortung übernehmen und die Strafe bezahlen. Außer, wenn… ja, wenn da jemand ist, der für uns die Zahlung übernimmt! Aber wer würde diese unbezahlbare Schuld begleichen?

Erstaunlicher- und unverdienterweise tut genau das Jesus Christus.

Er sagt: „Der ewige Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lassen, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele. (Matthäus 20,28)

Was für eine befreiende Botschaft! Da ist einer, nicht irgendeiner, sondern Gottes Sohn, der selbst den Bußgeldbescheid, der gegen uns ausgestellt ist, übernimmt! Er selbst löst uns aus und tauscht sein Leben für das unsere ein. Damit ist nicht nur der Urlaub, sondern unser ganzes Leben gerettet.

Samuel Kißner, Pastor der Ev. Brückengemeinde Heidenheim

Sonntagsgedanke, 12.07.2020

Und plötzlich verändert sich das Leben

Ein Fischer fährt mit seinem Boot müde bei Sonnenaufgang zum Ufer zurück. Nichts gefangen diese Nacht. Am Ufer steht ein Mann, der steigt einfach ins Boot und sagt: Fahr noch einmal hinaus, und wirf dein Netz aus, wo es tief ist. Simon, der Fischer, gehorcht und fängt viele Fische. Und Jesus sagt zu ihm: Fürchte dich nicht! Von nun an sollst du Menschenfischer sein.

Es ist eine Geschichte, wie ein Mensch von jetzt auf nachher sein Leben verändert. Simon verlässt sein Boot, seine vertraute Arbeit und seine Einnahmen als Fischer, sein Dorf und seine Frau, um mit Jesus als Jünger mitzuziehen. Nach dem Tod von Jesus kehrt er zu seiner Frau zurück. Aber er wird nicht wieder Fischer, sondern Anführer der jungen christlichen Kirche. Aus einer Notiz im Korintherbrief können wir folgern, dass Simon Petrus später zusammen mit seiner Frau über Korinth nach Rom gezogen ist, um dort mit seiner Frau in der Christengemeinde zu wirken.

Manchmal verändert sich unser Leben von einem Tag auf den anderen, durch einen Ruf, eine Begegnung oder ein Ereignis.

Freitag, der 13. März 2020: Gebannt folgen alle den Nachrichten; die Schulen sollen geschlossen werden, schnell noch einkaufen, das Klopapier im Laden wird knapp.

Wie hat sich unser Leben durch Corona seither verändert!

Letzten Sonntag wurde in meiner Kirchengemeinde sogar die Konfirmation in Ochsenberg im Grünen vor der Kirche statt in der kleinen Kirche gefeiert. Wir haben gelernt, flexibel und kreativ zu sein und mit großem Ideenreichtum mit den stetig sich ändernden Vorschriften umzugehen.

Manches, was nicht mehr geht, vermisse ich noch gar nicht. Vielleicht brauche ich es auch später nicht mehr? Anderes fehlt mir sehr, etwa das gemeinsame Singen.

Manches habe ich auch wieder schätzen gelernt, was ich kaum noch beachtet und gewürdigt habe, die Schönheit des eigenen Gartens etwa oder der umliegenden Wälder.

Jede Krise zwingt uns, unser Leben zu verändern und neu auszurichten. Das mag manchmal ein echter Verlust sein, der uns traurig stimmt, und manchmal kann es auch für uns sein Gutes haben, Altgewohntes aufzugeben und das Leben neu denken und ordnen zu müssen.

Fürchte dich nicht, sagt Jesus zu Simon, dem Fischer, und nennt ihn später Petrus, das heißt Fels. Wie ein Felsen, der fest in der Brandung steht, sollst du sein. Es werden die Stürme und Wellen des Lebens kommen. Aber du wirst das unerschütterliche Vertrauen und die feste Zuversicht haben, dass Gott den Weg weiß, auf dem er dich führen wird und du nicht tiefer fallen kannst, als in die Hand Gottes.

Christoph Burgenmeister
Evangelischer Pfarrer in Königsbronn

Sonntagsgedanke, 25.06.2020

Es gibt Dinge und Situationen, die will man nicht sehen und nicht erleben. Und dann ist man auf einmal mitten hineingeworfen und kann den Blick nicht abwenden. Schaulustige pilgern zu Unglücksstellen, fahren auf der Autobahn im Schritttempo an der Unfallszelle vorbei. Gebannt richten wir unseren Blick auf Infektionszahlen, R-Faktor und die neuesten Daten zur wirtschaftlichen Entwicklung. Tut uns das wirklich gut?

Gewiss, man muss informiert sein und sich auf dem Laufenden halten. Doch nicht umsonst haben Psychologen schon zu Beginn der Corona-Epidemie geraten, den Blick nicht nur auf die Krankheit und ihre vielfältigen Auswirkungen zu lenken. Für die eigene seelische Gesundheit sind positive Eindrücke und Erlebnisse wichtig; die Orientierung an Werten, die uns Halt geben.

„Ich habe den Herrn allezeit vor Augen“, sagt der Beter des 16. Psalms (Psalm 16,8). Dieser Vers ist im Herrnhuter Losungsbüchlein für den morgigen Sonntag zu lesen. Der Psalmbeter hat erlebt, dass Gott ihm geholfen hat. Der Blick auf Gott gibt ihm die Kraft, die er zum Leben braucht.

Doch ist das nicht weltfremd – immer auf Gott zu schauen? Da ist doch soviel anderes, das uns beschäftigt und unsere Aufmerksamkeit fordert.

„Ich habe mir den Herrn stets zum Gegenüber gesetzt“, kann man diesen Vers auch übersetzen. Dann wird Gott zu dem, den wir sehen, wenn wir den Blick heben von allem, was uns beschäftigt und manchmal auch gefangen nimmt.

Mir gefällt dieser Gedanke: Gott ist mein Gegenüber. Mit ihm kann ich alles besprechen, was mein Leben gerade ausfüllt. Wenn die täglichen Nachrichten mich beinahe verzweifeln lassen, darf ich auf Gott schauen. Er ist da, und indem ich den Blick auf ihn richte, finde ich Orientierung im Leben, frischen Mut und neue Kraft. Immer wieder wird Gott mich auch liebevoll korrigieren und sanft auf den rechten Weg bringen. Der Psalmbeter schließt sein Gebet mit den Worten:

„Du tust mir kund den Weg zum Leben:
vor dir ist Freude die Fülle
und Wonne zu deiner Rechten ewiglich.“

Rolf Wachter
Pfarrer in Heuchlingen und Heldenfingen

Sonntagsgedanken, 31. Mai 2020 (Pfingsten)

Kraft-voll

Im Kurzurlaub fahre ich gerne an den Forggensee. Im Sommer ein Traum – kristallklares Wasser, in dem sich die Berge spiegeln. Im Winter ein völlig anderes Bild: der See ist verschwunden, nur trübe Wasserpfützen verlieren sich in einer braun-grauen Kraterlandschaft.

Was ist geschehen? Sie wissen es wohl: der Forggensee ist ein Stausee, im Herbst wird die Staumauer geöffnet, und dann läuft der See leer, weil der Abfluss aus dem See viel stärker ist als der kaum noch vorhandene Zustrom. Der leere See – ein trauriges Bild…

Wir Menschen sind wie dieser See. Es gibt „Sommerzeiten“, in denen unser Kraft-Reservoir voll ist und es uns gut geht – dann scheint uns alles möglich zu sein. Aber es gibt auch „Winterzeiten“, in den wir uns leer und „ausgelaufen“ fühlen, in denen unser „Kraftspeicher“ leer ist und wir in unserem Leben genauso „den Bodensatz“ sehen wie im leeren See.

Wie beim Forggensee gibt es auch in unserem Leben Zulauf und Ablauf. Manche Erfahrungen führen dazu, dass Kraft aus unserem Reservoir abfließt. Derzeit müssen wir nicht lange suchen, um solche „Krafträuber“ zu finden: Einsamkeit, gesundheitliche Ängste, Sorge vor wirtschaftlichen Krisen, Zukunftspessimismus… sie lassen den Wasserspiegel unseres Kraftspeichers gefährlich sinken.

Wo ist die andere Seite? Wo sind die Zuflüsse? Was gibt uns derzeit Kraft, aus welchen Quellen speisen wir den See unseres Lebens? Gott sei Dank für alle Kraft-Zuflüsse dieser Zeit, zum Beispiel für wohltuende Begegnungen, Mitmenschlichkeit, Solidarität. „Die Seele ernährt sich von dem, woran sie sich freut“ (Augustinus).

Wir feiern Pfingsten. Wenige Wochen vor Pfingsten erlebten Jesu Jünger ihre ganz persön­liche „Winterzeit“. Müde, leer, ausgelaufen und antriebslos versteckten sie sich in einem Haus. Doch am Pfingstsonntag steht Petrus auf einmal vor Tausenden vor Leuten und erzählt feurig, kraftvoll und mutig von Gottes Liebe. Was hat diese Veränderung ausgelöst? Jesu Auferstehung – und Pfingsten! „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen“, so hatte Jesus seinen Jüngern das Pfingstfest angekündigt. Und so erlebten die Jünger Pfingsten: als Kraft-Zulauf, als Kraft-Gabe Gottes. Auf einmal war der See ihres Lebens voll bis zum Rand…

Pfingsten – Gott schenkt seinen Geist als Kraft-Quelle auch für unser Leben. Denn „Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ (2.Timotheus 1,7).

 

Steffen Palmer
Pfarrer der Ev. Kirchengemeinde Sontheim-Brenz-Bergenweiler

Sonntagsgedanke, 24.05.2020

Mehr als 7 Wochen ohne…

Beim Begriff „7 Wochen ohne“ handelt es sich um eine freiwillige, bundesweite Fastenaktion der Evangelischen Kirche beginnend vom Aschermittwoch bis Ostern– doch in abgewandelter Form, sind wir in diesem Frühjahr alle dazu gezwungen worden und zwar noch über die 7 Wochen hinaus.

Unser ganzes Leben ist derzeit immer noch bestimmt von den Folgen der Pandemie. Das Corona-Virus betrifft uns und macht uns betroffen. Wir haben in der aktuellen Phase viel Verständnis für alle Maßnahmen aufgebracht, aber gleichzeitig entdecken wir jetzt, dass Ungeduld und Diskussionsbedarf wachsen. Das ganze soziale und gesellschaftliche Leben ist erst jetzt – in der Woche 12 nach Corona -langsam wieder am Erwachen. Inzwischen nähern wir uns wieder einem Alltag an, der sicher noch viel länger nicht der gewohnte und unbeschwerte sein wird – so wie es vor Bekanntwerden des SARS-COVID-19 Virus war, der Corona-Krise. Corona heißt doch in lateinischer Sprache: Krone – Wie gut, dass es noch andere Kronen gibt als die von diesem Krankheitserreger es heißt: Der Mensch sei die Krone der Schöpfung! „Lobe den Herrn meine Seele… der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit“. Zu allen Zeiten haben Menschen auf Gott vertraut, darauf, dass er uns mit Gnade und Barmherzigkeit krönt, gerade wenn uns „Angst und Bange“ ist.

Zum Fürchten sind die schwindelerregenden Zahlen, wenn wir daran denken, was uns dieses Virus kosten wird. Zum Fürchten auch, nicht zu wissen, ob man selber Träger ist und ungewollt die Verbreitung fördert.

Wir mussten lernen mit der Bedrohung zu leben, Schutzmasken zu tragen, keine Annäherung an andere Menschen, häusliche Quarantäne durchzustehen, und wir müssen uns der Herausforderung immer noch stellen, denn wir wissen heute noch nicht, welche Folgen dies für unser weiteres Leben haben wird.

Hier dürfen wir als Christen die Zuversicht haben wie im Epheser steht: Gott aber kann viel mehr tun, als wir jemals von ihm erbitten oder uns auch nur vorstellen können, so groß ist die Kraft, die in uns wirkt (Epheser3,20)

Die Kommunikation hat sich aufgrund des Kontaktverbotes massiv verändert und es wurde auf neue Techniken zurückgegriffen um weiter im Gespräch mit seinen Angehörigen oder Freunden zu sein. Interessant, was für eine Kreativität, was für tolle Ideen sich hier entwickelt haben und einen zum Schmunzeln und Staunen gebracht hat. Interessant, was alles geht – wenn nichts mehr geht…

Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Wie viele sind wieder genesen vom Covid-19 Virus, wie viele hat diese Zeit wieder zusammen und sich selber näher gebracht durch das ungewollte Fasten.

Bleiben Sie behütet!

Bärbel Gekeler
Geschäftsführerin
Ökumenische Sozialstation Heidenheimer Land

Sonntagsgedanke, 03.05.2020

Wie kommen wir aus der Krise?

Nein, es gibt nichts schönzureden. Das Virus hat das öffentliche Leben nach wie vor im Griff. Es ist immer noch bedrohlich, obwohl die ganz große Katastrophe unserem Land bislang erspart blieb. Ein mikroskopisch kleiner Erreger mit einem aufdringlichen Vermehrungswillen hält die Welt in Atem – oder soll ich besser sagen – hält die Welt an. Jedenfalls ihren gewöhnlichen Lauf. Der Ausnahmezustand wird nach und nach gemildert. Zur Freude darüber, dass man endlich mal wieder in einer Buchhandlung stöbern darf, gesellt sich die frohe Aussicht auf einen sommerlichen Haarschnitt. Für Schüler der Abschlussklassen wird es am Montag wieder richtigen Unterricht im Klassenzimmer geben. Ein kleines Stück Normalität, wofür wir dankbar sind.

Aber das Unbehagen schwingt allezeit mit. Das Virus ist noch immer aktiv, unsichtbar, heimtückisch mit einem gewaltigen Zerstörungspotential. Wir werden noch weiterhin auf vieles verzichten müssen. Auf das Händeschütteln, auf Feste und Feiern, auf kulturelle Ereignisse mit größerem Publikum.

Und dann ist da noch die bange Frage: Wie wird es nach der Krise sein? Die Meinungen dazu sind geteilt. Manche Prognose ist düster. Wenn die Wirtschaft schrumpft, verlieren viele Menschen ihre Arbeit. Andere haben sich einen Betrieb oder eine kleine Praxis aufgebaut, waren fleißig und müssen nun bangen, ohne eigenes Verschulden ihre Existenz zu verlieren. Vielleicht werden nach der Krise nur noch Eigennutz und Rücksichtslosigkeit herrschen. Das wäre furchtbar. Denkbar ist aber auch ein anderes Szenario. Wenn die positive Erfahrung des Zusammenhalts während der Krise die Gesellschaft nachhaltig auf lange Sicht prägt. Und sich damit die Erkenntnis durchsetzt, dass Einkaufen, Urlaub und Geld nicht alles ist. Vielleicht kommen wir dann auch gestärkt aus der Krise heraus. Als Menschen, die sich auf Gott verlassen und die sich aufeinander verlassen können. Das wäre doch wunderbar.

Der Apostel Paulus, selbst vielfach krisengeschüttelt, macht uns Mut: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Verzagtheit, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Kraftvoll, liebevoll und besonnen ist ein herrlicher Dreiklang, der uns hilft, zwar nicht ungeschoren, aber getrost aus der Krise zu kommen.

Pfarrerin Iris Carina Kettinger,
Evang. Auferstehungskirchengemeinde Heidenheim

Sonntagsgedanke, 19.04.2020

Shutdown!

Was wir in diesen Wochen erleben, muss eine schwache Ahnung vom Lebensgefühl der alten Israeliten sein. Die hatten nämlich das Sabbatjahr. In jedem siebten Jahr wurde nicht gesät und nichts angepflanzt. Und geerntet nur, was sozusagen freiwillig gewachsen ist. Wobei sich dann alle bedienen durften, auch die Armen und die Tiere.

Ich konnte mir bisher nicht vorstellen, dass die Israeliten das tatsächlich durchgezogen haben. Denn damals hat sich jeder als Bauer selbst versorgt. Und was nicht auf dem eigenen Acker gewachsen ist, das gab es einfach nicht zu essen. So ein Sabbatjahr war immer ein mageres Jahr. Und manchmal haben die Menschen bestimmt auch gehungert. Und das freiwillig! Sie hätten ja säen, pflanzen und ernten können. Aber freiwillig haben sie drauf verzichtet.

Weil es Gott so geboten hat. Sabbat bedeutet Ruhe – Shutdown. Das Land sollte alle sieben Jahre ruhen können.

Wie gesagt, ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Israeliten das durchgezogen haben. Der wirtschaftliche Schaden muss enorm gewesen sein. Aber jetzt zieht unser Volk so etwas durch. Und die Luftverschmutzung geht zurück, kaum noch Staus auf Autobahnen, ein Himmel ohne Flugzeugkondensstreifen. Die Erde atmet auf.

2019, im Jahr von „Fridays for Future“, war vielen bewusst, dass genau das notwendig wäre. Doch die Regierung hat sich gewunden und das Volk hat so viele dicke Autos gekauft und so viele Flugreisen gebucht wie nie zuvor.

Jetzt geht es: Shutdown, Sabbat. Nicht weil die Leute plötzlich auf Gott hören würden. Sondern weil sie Angst vor dem Sterben haben. Die massenhafte Angst vor dem eigenen Sterben hebelt Trägheit und Bedenken aus, die letztes Jahr noch jede Veränderung blockiert haben.

Ich staune immer noch ungläubig, wie in den verschiedensten Ländern, die sich inzwischen ja feindlicher denn je gegenüberstehen, unabhängig voneinander die Wirtschaft niedergelegt wird. Vor wenigen Wochen war die Wirtschaft noch die heilige Kuh. Jetzt geht sie zu Boden. Wie könnte es aussehen, wenn Gott seiner Schöpfung – Erde, Wasser, Pflanzen und Tieren – wieder Luft verschafft?  Genau so.

Pfarrer Michael Rau
Evangelische Kirchengemeinde Herbrechtingen

Sonntagsgedanke, 10.04.2020 - Karfreitag

Kreuz, auf das ich schaue…

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15,34b). Mich berührt dieses am Kreuz gesprochene Zitat aus dem 22.Psalm. Dass selbst Jesus, der doch in maximaler Nähe zu Gott lebte, sich in der größten Not von Gott verlassen fühlt, das bedrückt mich. Ist das so? Auch bei uns? Dass auch wir in den Nöten unseres Lebens, in unseren Krisen, uns von Gott verlassen fühlen, egal, wie nahe wir ihm vorher zu sein schienen?

Ein zweites Mal lese ich den Satz. „Mein Gott, mein Gott…“. Da fällt mir auf: Jesus sagt diesen Satz ja zu Gott. Und er nennt ihn nicht nur „Gott“, sondern sogar „Mein Gott“. Passt das denn zusammen? Dass Jesus sich von Gott verlassen fühlt, und ihn trotzdem anspricht, ganz persönlich?

Geht denn beides gleichzeitig? Sich von Gott verlassen fühlen und trotzdem – im wahrsten Sinne des Wortes: Trotz dem! – mit Gott reden, ihm die eigenen Klagen sagen, seine Nähe suchen? Bei Jesus am Kreuz geht beides. In den Krisen meines Lebens habe ich auch immer wieder erlebt, dass tatsächlich beides zugleich geht: sich Gott ferne fühlen und doch auf seine Nähe hoffen. Die Jahreslosung lautet: „Ich glaube – hilf meinem Unglauben“. (Markus 9,24).

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“. Jesus spürt Gottesferne. Aber Lukas (23,46) berichtet, dass er auch um die Nähe Gottes weiß: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist“.

Wir haben uns in unserer Kultur angewöhnt, das Kreuz als Zeichen der Nähe Gottes zu deuten. Manche Menschen hängen sich ein Kreuz um den Hals, weil es sie an Gottes Nähe erinnern soll. Auf den Gipfeln mancher Berge stehen Kreuze, weil sich Menschen dort Gott nahe fühlten. Und die Kreuze auf unseren Friedhöfen sollen sagen: „Wir vertrauen darauf, dass Du Gott nahe bist, geliebter Mensch“.

Warum deuten wir das Kreuz als Zeichen der Nähe Gottes, obwohl Jesus dort auch Gottesferne spürte? Wohl weil das Kreuz das Zeichen ist, wie nahe uns Gott kommt: er wird so menschlich, dass er sogar die unausweichlich letzte Konsequenz des menschlichen Lebens mit uns teilt: den Tod. Gott wird in Jesus Mensch unter Menschen, unser Bruder, und auch: unser Bruder im Leiden. So mitmenschlich nahe will Gott uns sein.

„Kreuz, auf das ich schaue, steht als Zeichen da; der, dem ich vertraue, ist in dir mir nah“ (Neue Lieder Nr.170)

Pfarrer Steffen Palmer, Evangelische Kirchengemeinde Sontheim-Brenz-Bergenweiler

Sonntagsgedanke, 15.03.2020

Selbstverständlich – knipsen wir morgens das Licht an. Selbstverständlich verlassen viele ihr zu Hause, laufen, steigen ins Auto, nehmen Bus, Bahn, Fahrrad um zur Arbeit oder Schule zu kommen. Selbstverständlich – ziehen die meisten ein Smartphone aus der Tasche und schauen noch schnell nach den wichtigsten Infos. Selbstverständlich bestellen wir per click und morgen steht die Lieferung vor der Tür. Alles ist verfügbar 24/7 – im Überfluss – selbstverständlich. Wir sind sicher, brauchen niemanden haben uns eingerichtet in unserem kleinen Kosmos voller Algorithmen. Und doch wird in diesen Tagen unsere luxoriöse Sicherheit und unser Selbstverständlichkeitsdenken erschüttert. Ein kleines Virus schlägt große Wellen! Aufgepeitscht von den selbstverständlichen Möglichkeiten globaler Kommunikation geht die Corona-Angst um, oft sogar Panik! Was selbstverständlich zum Alltag gehört wird rares Gut: Dinge des täglichen Bedarfs werden gehamstert, leere Regale, Vorräte angelegt – im Zweifelsfall scheint sich jeder selbst der nächste – denn selbstverständlich ist plötzlich nichts mehr. Der sonst selbstverständliche Gang vor die Haustür kann zum echten Freiheitserlebnis werden. Wir haben uns an unsere Selbstverständlichkeiten gewöhnt und mit systematischer Sicherheit eingerichtet, die andere noch nie hatten. Aber fehlt uns dabei nicht etwas Entscheidendes? Wohl haben unsere Systeme und Sicherheitsmechanismen der postmodernen Gesellschaft das noch nicht geschafft: Am Ende der Selbstverständlichkeit das plötzlich aufschäumende Meer der Unruhe, Angst und Unsicherheit im Herzen der Menschen zur Ruhe zu bringen! Wir sind dabei jedoch in guter Gesellschaft, wie die ersten Freunde von Jesus als sie bei einer Bootstour vom Sturm überrascht werden: Da liefen die Jünger zu ihm, weckten ihn auf und riefen: »Herr, hilf uns, wir gehen unter!« Jesus antwortete ihnen: »Warum habt ihr Angst? Vertraut ihr mir so wenig?« Dann stand er auf und befahl dem Wind und den Wellen, sich zu legen. Sofort hörte der Sturm auf, und es wurde ganz still. Am Ende der Selbstverständlichkeit fehlen offenbar noch wesentliche Dinge: die Erkenntnis, dass wir im Miteinander und Füreinander besser durch schwere Fahrwasser kommen – selbstverständlich global gemeint – mit Blick in unsere eine Welt. Noch fehlt das Vertrauen, dass wir – bei Jesus Christus verankert – einen sicheren Halt und einen Ort für unsere Sorgen haben. Warum aber nicht gerade jetzt leere Hände und unruhige Herzen Gott hinhalten und darum bitten? Für viele stehen die Wochen bis Ostern unter dem Aspekt des „Fastens“. Vielleicht bringt uns der zwangsläufige Verzicht auf manches Selbstverständliche auch eine befreiende Erfahrung: Dass trotz aller tosenden Stürme unser Leben geborgen bleibt im Blick auf Jesus Christus und Friede mitten im Sturm sein kann.

Herzliche Segensgrüße, Ihr Pfarrer Steffen Hägele, Hermaringen und Giengen Süd

Sonntagsgedanke, 16.02.2020

Sonntagsgedanken 16. Februar 2020

„…, wenn ich zu Wort komme!“

„Sag daheim einen schönen Gruß!“ „Mache ich, wenn ich zu Wort komme!“ Oft gebrauchen Menschen diese Floskel, bei denen man sich wenig Sorge machen muss, dass sie zu Hause kein Gehör finden. Doch wo Menschen miteinander zu tun haben, sollte jeder zu Wort kommen. Nur dann ist Beziehung möglich, um miteinander leben und arbeiten zu können.

Eigentlich wissen wir das. Aber der kommende Sonntag macht uns darauf aufmerksam, dass nicht nur wir Menschen einander zu Wort kommen lassen. Sondern Gott selbst möchte in unserem Leben zu Wort kommen. Über der neuen Woche steht ein Bibelwort: »Wenn ihr heute Gottes Stimme hört, dann verschließt euer Herz nicht.“ (Hebräer 3,15) Doch sofort melden sich die Fragen: Wie kann ich denn einen Gott zu Wort kommen lassen, den ich nicht sehe und schon gar nicht höre? Und überhaupt: Warum soll ich Gott zu Wort kommen lassen? Es fällt mir ja oft schon schwer genug, den Menschen in meiner Umgebung zuzuhören.

Wie kann ich Gott zu Wort kommen lassen? Indem ich das Staunen über das Leben nicht verlerne. Das Schöne nicht zu schnell zu selbstverständlich nehme. Gelungenes nicht nur meiner eigenen Leistung zuschreibe. Auf schwierigen Wegstrecken das entdecke, was mir beim Weitergehen hilft.

Warum soll ich Gott zu Wort kommen lassen? Weil ich in Kontakt bleibe mit dem, der mein Leben trägt. Ich vertraue einer Kraft, die größer ist als meine eigene Stärke. Denn als Mensch gerate ich allzu oft an meine Grenzen – die Grenzen meiner Zeit, meiner Geduld, meiner Liebe ja sogar meines Lebens. Wenn ich mich da von Gott tragen lasse, kann ich manche Grenze überschreiten. Andere Grenzen kann ich akzeptieren und das, was mir nicht gelingt, Gott anvertrauen.

„Wenn ich zu Wort komme.“ Das Wochenende bietet die Chance, uns gegenseitig zu Wort kommen zu lassen und ebenso Gott. Ob morgen im Gottesdienst oder wo auch immer ich neu lerne, über mein Leben zu staunen.

Ulrich Erhardt, evangelischer Pfarrer in Niederstotzingen.

Sonntagsgedanke, 02.02.2020

Die Feste feiern, wie sie fallen

Liebe Leserin, lieber Leser,

wann haben Sie den Weihnachtsbaum abgeschmückt? Oder steht er bei Ihnen noch im Wohnzimmer, vielleicht bis Mariä Lichtmess, morgen am 2. Februar?

Unseren Christbaum musste ich wegen der Fußbodenheizung leider schon entsorgen. Die Kugeln und Strohsterne sind wieder verstaut und warten geduldig in ihren Schachteln, bis es wieder Zeit ist. Manche Bäume lagen schon nach dem zweiten Weihnachtsfeiertag am Straßenrand und sie taten mir leid. Vielleicht wurden sie schon zum ersten Advent geschmückt. Wie es ja auch Lebkuchen schon im Oktober zu kaufen gibt. Dann ist man mit Weihnachten fertig, ehe es richtig beginnt. Ich warte schon auf die Osterhasen im Januar, Fasching könnten wir wohl auch noch nach Aschermittwoch feiern, oder nicht? Wer weiß heute noch etwas von der Fastenzeit? Was ist los mit unserer Festkultur?

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen. In der Redensart steckt eine große Weisheit. Unser Festkalender ist aufgebaut auf das Kirchenjahr mit seinen Wechseln zwischen Feiern und Fasten, mit den Stufen, die unser Leben uns vorgibt im Wechsel von Freude und Traurigkeit, vom Gelingen und von Niederlagen. Der Weihnachtsfestkreis reicht bis zum 2. Februar. An unserem früheren Wohnort feierten anfangs nur wir in unserer Straße Weihnachten bis ganz zum Schluss. Aber im Laufe der Jahre wurde es anders. Hier und dort leuchtete in der Nachbarschaft noch ein Lichterbogen und ein Herrnhuter Stern.     

Weihnachten ist das Staunen darüber, dass Gott sich in einem Kind offenbart. Dieses Kind wird als Licht besungen, das die Finsternis durchdringt. Dem Licht sinnt die Zeit nach dem Erscheinungsfest nach und nimmt als Bild den Morgenstern, der das Ende der Nacht anzeigt. Jetzt ist die Zeit des ausgelassenen Feierns, der Fastnacht. Danach beginnt die Zeit des Verzichts und der Stille, der Besinnung auf das Leiden Jesu. Wer dies sieben Wochen lang bewusst durchhält, der kann Ostern leiblich als Fest der Auferstehung erfahren.

Der biblische Bezug von Lichtmess, vierzig Tage nach dem Christfest, richtet sich zum einen auf Maria als der Mutter Jesu, zum anderen auf Jesus als dem Erstgeborenen seiner Familie. Nach alttestamentlicher Regel galt eine Mutter erst 40 Tage nach der Geburt wieder als kultisch rein. Zu diesem Anlass wurde der Tempel besucht. Zum andern wurde der Erstgeborene vor Gott im Tempel dargestellt und durch ein Opfer ausgelöst. Nach Lukas, der die entsprechende Erzählung überliefert, steht Jesus hier ganz in der jüdischen Tradition. Freilich bettet Lukas diesen äußeren Anlass ein eine ganz eigene Geschichte ein. Dort am Tempel wartet der alte Simeon schon jahrelang auf den Trost Israels. Als er nun Jesus mit seinen Eltern sieht, nimmt er den Säugling auf den Arm und ruft: „Herr, nun lässest du deinen Diener im Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, welchen du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.“

Die Kirche in alter Zeit war klug, dieses Lichterfest im Einklang mit dem Naturjahr auf die Zeit zu legen, wo es merklich, spürbar heller wird und sich neues Leben in der Natur regt. Lichtmess gilt als Entsprechung zu Michaelis am 29. September – jetzt konnten die Handwerker wieder ohne künstliches Licht arbeiten, das sie seit Michaelis vermisst hatten. Jesus Christus ist das Licht der Welt, das ist die Botschaft von Lichtmess. Alles von diesem Licht erhoffen, erbitten, das ist unsere Aufgabe. Und so wünsche ich Ihnen einen gesegneten Sonntag und eine glückselige Fastnacht.

Pfarrerin Iris Carina Kettinger,
Evangelische Auferstehungskirche Heidenheim