Sonntagsgedanke, 25.10.2020

„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist …“ So heißt es im Wochenspruch für die kommende Woche. Wie schön wäre es, wenn wir einen Plan hätten, was richtig und gut ist! Dann müsste unsere Regierung nicht im Trüben fischen, welche Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie wirkungsvoll helfen. Die Bevölkerung wäre nicht gespalten in ihren Überzeugungen darüber, was gerade richtig und falsch ist, ob Maske tragen ein Zeichen von Zivilcourage oder Unterdrückung ist. Alles wäre so einfach!

Die schlechte Nachricht ist: Schon bei Adam und Eva ist dieser Plan nach hinten losgegangen. Wir Menschen scheinen nicht dazu bestimmt zu sein den totalen Überblick zu haben. Die alltäglichen kleinen und großen Entscheidungen kann uns niemand abnehmen. Auch kann uns niemand von der Verantwortung entbinden immer wieder zu hinterfragen und zu überprüfen, was wir tun und warum wir bestimmte Überzeugungen pflegen.

Für mich als Christin ist der Wochenspruch trotzdem eine Hoffnungsbotschaft:  Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott (Micha 6,8). Bei allen schwierigen Entscheidungen des Lebens gibt es zwei Kriterien, an die ich mich halten kann.

Zum einen die Liebe: Wir werden es nicht schaffen, in allen Streitfragen einen gesellschaftlichen Konsens zu erreichen. Doch es ist schon viel erreicht, wenn wir dabei den Respekt vor dem anderen nicht verlieren. Wenn Andersdenkende beschimpft und in eine Ecke gestellt werden, ist nichts gewonnen aber ein friedliches Miteinander schier unmöglich gemacht.

Zum anderen die Demut: Ich bin und bleibe ein Mensch, ich kann nicht in die Zukunft schauen und nichts Übermenschliches leisten. Auch bleibt mein Wissen immer begrenzt. Demut bedeutet anzuerkennen, dass wir in all unserem Tun fehlbare Menschen bleiben, so gut wir es auch meinen. Demut bedeutet für mich als Christin auch, dass es letztendlich nicht ich bin, die den Gang der Welt zum Guten wenden kann, sondern allein Gott.

Dina Streib, Pfarrerin in Zang

Sonntagsgedanke, 18.10.2020

Er trägt einen schwarzen schweren Umhang, wie im Mittelalter typisch. Eine passende schwarze Kopfbedeckung und ein Gewand, das sagt: „Hey Leute, ich bin ein „Gscheitle“, ich darf an der Uni Lehren.“ In der einen Hand hält er eine Gänsefeder und in der anderen eine aufgeschlagene Bibel. Als Playmobilfigur steht er auf meinem Schreibtisch und hüpft ab und an mit in meine Schultasche. Martin Luthers Zeit, das 15. Jahrhundert fasziniert Kinder: Da gab es noch die Plumpsklos, die Ritterburgen, die Wegelagerer und Raubüberfälle auf Kutschen, die Prinzessinnen und Tafelmale. Wir überlegen uns, warum wir froh sind, nicht schon vor 5oo Jahren gelebt zu haben: Da gab es nur wenig Medizin, und wenn dann nur für die, die sie sich leisten konnten. Damals hat die Pest, die Menschen an Leib und Leben bedroht und heute 500 Jahre später bedroht die gesamte Welt ein anderer gefährlicher Virus. Vieles hat sich doch weiterentwickelt, doch die Fragen der Menschen sind oftmals dieselben: Was ist mir wichtig in meinem Leben, wofür lohnt es sich zu kämpfen und mehr Einsatz zu zeigen? Und an wen kann ich mich wenden, wenn ich an meine Grenzen komme? Dr. Martin Luther ist an diesen Fragen fast wahnsinnig geworden: Egal, was ich tue, wird es reichen, damit andere mich mögen, wird es reichen, dass Gott es gut mit mir meint? Das sind auch Fragen, die Kinder heute interessieren. Wir nennen sie auch die schweren Fragen, auf die es eben kein einfaches Ja oder Nein gibt. Das hatte auch das „Gscheitle“ Dr. Martin Luther kapiert: Er hat dann beim Stöbern in der Bibel eine Entdeckung gemacht, die sein bisheriges Fühlen und Denken komplett auf den Kopf gestellt hat: Gott liebt dich gratis, du musst nicht erst dies oder das erreichen, damit es Gott gut mit dir meint. Und auch, wenn es mal nicht so gut läuft, heißt das nicht im Umkehrschluss, dass du Gott nicht gut genug bist. Gott will auch dann in den grauen Tagen an deiner Seite stehen und mit dir da durch gehen. „Dr. Gscheitle“ so haben meine 4.Klässler Dr. Martin Luther mit einem verschmitzten Lächeln getauft, und gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass er mit seiner Entdeckung den Kindern auch heute nach 500 Jahren Mut zuspricht, ihr Leben anzupacken, Ihre Ängste und Sorgen auch gegenüber Gott auszusprechen und darauf zu hoffen, dass er es zum Guten wenden kann.

Pfarrerin Daniela Kisser, evangelische Kirchengemeinde Bolheim

Sonntagsgedanke, 20.09.2020

Lebe JETZT

Das Mädchen sitzt am Strand. Sie lässt Sand von der einen in die andere Hand rieseln. Immer wieder, hin und her. Hört auch das Meer rauschen, die Wellen brechen. Sie schaut genau hin, fühlt, staunt und lauscht.
Sollte sie nicht das Meer entdecken, das Wasser ihre kleinen Füße umspielen lassen, Muscheln sammeln? Sie könnte die Menschen in ihrer Badekleidung mustern, vor dem Jungen zurückweichen, der den 1,5m Abstand missachtet oder aufpassen, dass kein Möwenkot auf ihrem Kopf landet. Will sie denn kein Eis, Pommes?
Sie sollte, sie könnte, will sie denn nicht… - nein, das Mädchen ist einfach da.
Das Mädchen verweilt still - die Sandkörner hin und her wiegend. Sie nimmt den Sand wahr, wie er ist. Und lässt ihn sein, wie er ist.
Das Mädchen strahlt Gelassenheit aus, Dankbarkeit, einen tiefen Frieden. Die Berieselung (des Sandes) macht sie keineswegs stumpf, im Gegenteil: Sie strotzt nur so vor Lebensfreude, Neugierde und Kraft.
Für mich ist das Mädchen am Strand ein Bild für die Begegnung mit Gott. Gott offenbart Mose seinen Namen; die hebräische Bezeichnung kann übersetzt werden mit: „Ich bin, der ich bin“ oder „Ich bin der ‚Ich bin da‘“ (2. Buch Mose 3,14).
Wir sind oft mit unseren Gedanken in der Vergangenheit und Zukunft verhaftet, mit Urteilen und Bewerten, Vollbringen und Machen beschäftigt. Gottesbegegnung braucht unsere Präsenz, unsere Hingabe im Augenblick, unsere einfache Wahrnehmung. „Wenn ich innehalte, finde ich in meinem Innern Halt“, formuliert Anselm Grün. Die Natur ist eine wunderbare Lehrmeisterin für ein präsentes Dasein. Im staunenden Betrachten der Natur können wir uns frei machen von innerer Unruhe, uns getragen fühlen und loslassen. Wir lernen uns selbst und unsere Mitmenschen nicht ständig zu bewerten und in Denkkategorien einzusperren, sondern anzunehmen und einfach sein zu lassen. Ich glaube, auch die Begegnungen mit unseren Mitmenschen und uns selbst werden ge-halt-voller, wenn wir ihnen mehr Präsenz schenken, im Hier und Jetzt leben. Besonders in diesen herrlichen Spätsommertagen lädt auch und gerade in der Corona-Pandemie ein Spaziergang durch Wald und Wiesen zur Gottesbegegnung ein.

Pfarrerin Silke Kuczera, Versöhnungskirche Heidenheim

Sonntagsgedanke, 06.09.2020

Bussgeldbescheid

Ein schöner Urlaub im Ausland kann Wochen später einen faden Beigeschmack bekommen, wenn ein Amtsbrief ins Haus flattert und schnell klar ist, dass es sich um einen Bußgeldbescheid handelt.

Da kann mitunter schon ein höherer Betrag draufstehen, der richtig weh tut.

„Das kann doch gar nicht sein! Das hätte ich doch gemerkt!“, ist nicht selten unsere erste Reaktion. Mal schauen, auf welcher Strecke das gewesen sein soll und ob wir da überhaupt langefahren sind.

Und wenn wir dort waren, dann muss wahrscheinlich der Ehepartner am Steuer gewesen sein.

Erstaunlich, wie wir mit allen Mitteln versuchen Schuld von uns abzuweisen.

Sie ist unangenehm, sie belastet, wenn vielleicht auch nicht das Gewissen, so zumindest den Geldbeutel. Die Strafe nicht zu begleichen, wird meistens noch viel teurer!

Schuld ist seit Anbeginn der Menschheit ein Thema. Wie oft fahren wir schnell über jemanden hinweg oder fahren ihm in die Parade. Dabei entsteht nicht nur Blechschaden, sondern Beziehungsschaden, den wir nicht mehr gutmachen können. Nicht nur Gottes Schöpfung, sondern auch Gott persönlich behandeln wir oft ohne Respekt.

Irgendwann, spätestens am Lebensende, so sagt es die Bibel, flattert dann der Bußgeldbescheid Gottes in unser Leben und wir müssen dafür die Verantwortung übernehmen und die Strafe bezahlen. Außer, wenn… ja, wenn da jemand ist, der für uns die Zahlung übernimmt! Aber wer würde diese unbezahlbare Schuld begleichen?

Erstaunlicher- und unverdienterweise tut genau das Jesus Christus.

Er sagt: „Der ewige Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lassen, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele. (Matthäus 20,28)

Was für eine befreiende Botschaft! Da ist einer, nicht irgendeiner, sondern Gottes Sohn, der selbst den Bußgeldbescheid, der gegen uns ausgestellt ist, übernimmt! Er selbst löst uns aus und tauscht sein Leben für das unsere ein. Damit ist nicht nur der Urlaub, sondern unser ganzes Leben gerettet.

Samuel Kißner, Pastor der Ev. Brückengemeinde Heidenheim

Sonntagsgedanke, 12.07.2020

Und plötzlich verändert sich das Leben

Ein Fischer fährt mit seinem Boot müde bei Sonnenaufgang zum Ufer zurück. Nichts gefangen diese Nacht. Am Ufer steht ein Mann, der steigt einfach ins Boot und sagt: Fahr noch einmal hinaus, und wirf dein Netz aus, wo es tief ist. Simon, der Fischer, gehorcht und fängt viele Fische. Und Jesus sagt zu ihm: Fürchte dich nicht! Von nun an sollst du Menschenfischer sein.

Es ist eine Geschichte, wie ein Mensch von jetzt auf nachher sein Leben verändert. Simon verlässt sein Boot, seine vertraute Arbeit und seine Einnahmen als Fischer, sein Dorf und seine Frau, um mit Jesus als Jünger mitzuziehen. Nach dem Tod von Jesus kehrt er zu seiner Frau zurück. Aber er wird nicht wieder Fischer, sondern Anführer der jungen christlichen Kirche. Aus einer Notiz im Korintherbrief können wir folgern, dass Simon Petrus später zusammen mit seiner Frau über Korinth nach Rom gezogen ist, um dort mit seiner Frau in der Christengemeinde zu wirken.

Manchmal verändert sich unser Leben von einem Tag auf den anderen, durch einen Ruf, eine Begegnung oder ein Ereignis.

Freitag, der 13. März 2020: Gebannt folgen alle den Nachrichten; die Schulen sollen geschlossen werden, schnell noch einkaufen, das Klopapier im Laden wird knapp.

Wie hat sich unser Leben durch Corona seither verändert!

Letzten Sonntag wurde in meiner Kirchengemeinde sogar die Konfirmation in Ochsenberg im Grünen vor der Kirche statt in der kleinen Kirche gefeiert. Wir haben gelernt, flexibel und kreativ zu sein und mit großem Ideenreichtum mit den stetig sich ändernden Vorschriften umzugehen.

Manches, was nicht mehr geht, vermisse ich noch gar nicht. Vielleicht brauche ich es auch später nicht mehr? Anderes fehlt mir sehr, etwa das gemeinsame Singen.

Manches habe ich auch wieder schätzen gelernt, was ich kaum noch beachtet und gewürdigt habe, die Schönheit des eigenen Gartens etwa oder der umliegenden Wälder.

Jede Krise zwingt uns, unser Leben zu verändern und neu auszurichten. Das mag manchmal ein echter Verlust sein, der uns traurig stimmt, und manchmal kann es auch für uns sein Gutes haben, Altgewohntes aufzugeben und das Leben neu denken und ordnen zu müssen.

Fürchte dich nicht, sagt Jesus zu Simon, dem Fischer, und nennt ihn später Petrus, das heißt Fels. Wie ein Felsen, der fest in der Brandung steht, sollst du sein. Es werden die Stürme und Wellen des Lebens kommen. Aber du wirst das unerschütterliche Vertrauen und die feste Zuversicht haben, dass Gott den Weg weiß, auf dem er dich führen wird und du nicht tiefer fallen kannst, als in die Hand Gottes.

Christoph Burgenmeister
Evangelischer Pfarrer in Königsbronn

Sonntagsgedanke, 25.06.2020

Es gibt Dinge und Situationen, die will man nicht sehen und nicht erleben. Und dann ist man auf einmal mitten hineingeworfen und kann den Blick nicht abwenden. Schaulustige pilgern zu Unglücksstellen, fahren auf der Autobahn im Schritttempo an der Unfallszelle vorbei. Gebannt richten wir unseren Blick auf Infektionszahlen, R-Faktor und die neuesten Daten zur wirtschaftlichen Entwicklung. Tut uns das wirklich gut?

Gewiss, man muss informiert sein und sich auf dem Laufenden halten. Doch nicht umsonst haben Psychologen schon zu Beginn der Corona-Epidemie geraten, den Blick nicht nur auf die Krankheit und ihre vielfältigen Auswirkungen zu lenken. Für die eigene seelische Gesundheit sind positive Eindrücke und Erlebnisse wichtig; die Orientierung an Werten, die uns Halt geben.

„Ich habe den Herrn allezeit vor Augen“, sagt der Beter des 16. Psalms (Psalm 16,8). Dieser Vers ist im Herrnhuter Losungsbüchlein für den morgigen Sonntag zu lesen. Der Psalmbeter hat erlebt, dass Gott ihm geholfen hat. Der Blick auf Gott gibt ihm die Kraft, die er zum Leben braucht.

Doch ist das nicht weltfremd – immer auf Gott zu schauen? Da ist doch soviel anderes, das uns beschäftigt und unsere Aufmerksamkeit fordert.

„Ich habe mir den Herrn stets zum Gegenüber gesetzt“, kann man diesen Vers auch übersetzen. Dann wird Gott zu dem, den wir sehen, wenn wir den Blick heben von allem, was uns beschäftigt und manchmal auch gefangen nimmt.

Mir gefällt dieser Gedanke: Gott ist mein Gegenüber. Mit ihm kann ich alles besprechen, was mein Leben gerade ausfüllt. Wenn die täglichen Nachrichten mich beinahe verzweifeln lassen, darf ich auf Gott schauen. Er ist da, und indem ich den Blick auf ihn richte, finde ich Orientierung im Leben, frischen Mut und neue Kraft. Immer wieder wird Gott mich auch liebevoll korrigieren und sanft auf den rechten Weg bringen. Der Psalmbeter schließt sein Gebet mit den Worten:

„Du tust mir kund den Weg zum Leben:
vor dir ist Freude die Fülle
und Wonne zu deiner Rechten ewiglich.“

Rolf Wachter
Pfarrer in Heuchlingen und Heldenfingen

Sonntagsgedanken, 31. Mai 2020 (Pfingsten)

Kraft-voll

Im Kurzurlaub fahre ich gerne an den Forggensee. Im Sommer ein Traum – kristallklares Wasser, in dem sich die Berge spiegeln. Im Winter ein völlig anderes Bild: der See ist verschwunden, nur trübe Wasserpfützen verlieren sich in einer braun-grauen Kraterlandschaft.

Was ist geschehen? Sie wissen es wohl: der Forggensee ist ein Stausee, im Herbst wird die Staumauer geöffnet, und dann läuft der See leer, weil der Abfluss aus dem See viel stärker ist als der kaum noch vorhandene Zustrom. Der leere See – ein trauriges Bild…

Wir Menschen sind wie dieser See. Es gibt „Sommerzeiten“, in denen unser Kraft-Reservoir voll ist und es uns gut geht – dann scheint uns alles möglich zu sein. Aber es gibt auch „Winterzeiten“, in den wir uns leer und „ausgelaufen“ fühlen, in denen unser „Kraftspeicher“ leer ist und wir in unserem Leben genauso „den Bodensatz“ sehen wie im leeren See.

Wie beim Forggensee gibt es auch in unserem Leben Zulauf und Ablauf. Manche Erfahrungen führen dazu, dass Kraft aus unserem Reservoir abfließt. Derzeit müssen wir nicht lange suchen, um solche „Krafträuber“ zu finden: Einsamkeit, gesundheitliche Ängste, Sorge vor wirtschaftlichen Krisen, Zukunftspessimismus… sie lassen den Wasserspiegel unseres Kraftspeichers gefährlich sinken.

Wo ist die andere Seite? Wo sind die Zuflüsse? Was gibt uns derzeit Kraft, aus welchen Quellen speisen wir den See unseres Lebens? Gott sei Dank für alle Kraft-Zuflüsse dieser Zeit, zum Beispiel für wohltuende Begegnungen, Mitmenschlichkeit, Solidarität. „Die Seele ernährt sich von dem, woran sie sich freut“ (Augustinus).

Wir feiern Pfingsten. Wenige Wochen vor Pfingsten erlebten Jesu Jünger ihre ganz persön­liche „Winterzeit“. Müde, leer, ausgelaufen und antriebslos versteckten sie sich in einem Haus. Doch am Pfingstsonntag steht Petrus auf einmal vor Tausenden vor Leuten und erzählt feurig, kraftvoll und mutig von Gottes Liebe. Was hat diese Veränderung ausgelöst? Jesu Auferstehung – und Pfingsten! „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen“, so hatte Jesus seinen Jüngern das Pfingstfest angekündigt. Und so erlebten die Jünger Pfingsten: als Kraft-Zulauf, als Kraft-Gabe Gottes. Auf einmal war der See ihres Lebens voll bis zum Rand…

Pfingsten – Gott schenkt seinen Geist als Kraft-Quelle auch für unser Leben. Denn „Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ (2.Timotheus 1,7).

 

Steffen Palmer
Pfarrer der Ev. Kirchengemeinde Sontheim-Brenz-Bergenweiler

Sonntagsgedanke, 24.05.2020

Mehr als 7 Wochen ohne…

Beim Begriff „7 Wochen ohne“ handelt es sich um eine freiwillige, bundesweite Fastenaktion der Evangelischen Kirche beginnend vom Aschermittwoch bis Ostern– doch in abgewandelter Form, sind wir in diesem Frühjahr alle dazu gezwungen worden und zwar noch über die 7 Wochen hinaus.

Unser ganzes Leben ist derzeit immer noch bestimmt von den Folgen der Pandemie. Das Corona-Virus betrifft uns und macht uns betroffen. Wir haben in der aktuellen Phase viel Verständnis für alle Maßnahmen aufgebracht, aber gleichzeitig entdecken wir jetzt, dass Ungeduld und Diskussionsbedarf wachsen. Das ganze soziale und gesellschaftliche Leben ist erst jetzt – in der Woche 12 nach Corona -langsam wieder am Erwachen. Inzwischen nähern wir uns wieder einem Alltag an, der sicher noch viel länger nicht der gewohnte und unbeschwerte sein wird – so wie es vor Bekanntwerden des SARS-COVID-19 Virus war, der Corona-Krise. Corona heißt doch in lateinischer Sprache: Krone – Wie gut, dass es noch andere Kronen gibt als die von diesem Krankheitserreger es heißt: Der Mensch sei die Krone der Schöpfung! „Lobe den Herrn meine Seele… der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit“. Zu allen Zeiten haben Menschen auf Gott vertraut, darauf, dass er uns mit Gnade und Barmherzigkeit krönt, gerade wenn uns „Angst und Bange“ ist.

Zum Fürchten sind die schwindelerregenden Zahlen, wenn wir daran denken, was uns dieses Virus kosten wird. Zum Fürchten auch, nicht zu wissen, ob man selber Träger ist und ungewollt die Verbreitung fördert.

Wir mussten lernen mit der Bedrohung zu leben, Schutzmasken zu tragen, keine Annäherung an andere Menschen, häusliche Quarantäne durchzustehen, und wir müssen uns der Herausforderung immer noch stellen, denn wir wissen heute noch nicht, welche Folgen dies für unser weiteres Leben haben wird.

Hier dürfen wir als Christen die Zuversicht haben wie im Epheser steht: Gott aber kann viel mehr tun, als wir jemals von ihm erbitten oder uns auch nur vorstellen können, so groß ist die Kraft, die in uns wirkt (Epheser3,20)

Die Kommunikation hat sich aufgrund des Kontaktverbotes massiv verändert und es wurde auf neue Techniken zurückgegriffen um weiter im Gespräch mit seinen Angehörigen oder Freunden zu sein. Interessant, was für eine Kreativität, was für tolle Ideen sich hier entwickelt haben und einen zum Schmunzeln und Staunen gebracht hat. Interessant, was alles geht – wenn nichts mehr geht…

Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Wie viele sind wieder genesen vom Covid-19 Virus, wie viele hat diese Zeit wieder zusammen und sich selber näher gebracht durch das ungewollte Fasten.

Bleiben Sie behütet!

Bärbel Gekeler
Geschäftsführerin
Ökumenische Sozialstation Heidenheimer Land

Sonntagsgedanke, 03.05.2020

Wie kommen wir aus der Krise?

Nein, es gibt nichts schönzureden. Das Virus hat das öffentliche Leben nach wie vor im Griff. Es ist immer noch bedrohlich, obwohl die ganz große Katastrophe unserem Land bislang erspart blieb. Ein mikroskopisch kleiner Erreger mit einem aufdringlichen Vermehrungswillen hält die Welt in Atem – oder soll ich besser sagen – hält die Welt an. Jedenfalls ihren gewöhnlichen Lauf. Der Ausnahmezustand wird nach und nach gemildert. Zur Freude darüber, dass man endlich mal wieder in einer Buchhandlung stöbern darf, gesellt sich die frohe Aussicht auf einen sommerlichen Haarschnitt. Für Schüler der Abschlussklassen wird es am Montag wieder richtigen Unterricht im Klassenzimmer geben. Ein kleines Stück Normalität, wofür wir dankbar sind.

Aber das Unbehagen schwingt allezeit mit. Das Virus ist noch immer aktiv, unsichtbar, heimtückisch mit einem gewaltigen Zerstörungspotential. Wir werden noch weiterhin auf vieles verzichten müssen. Auf das Händeschütteln, auf Feste und Feiern, auf kulturelle Ereignisse mit größerem Publikum.

Und dann ist da noch die bange Frage: Wie wird es nach der Krise sein? Die Meinungen dazu sind geteilt. Manche Prognose ist düster. Wenn die Wirtschaft schrumpft, verlieren viele Menschen ihre Arbeit. Andere haben sich einen Betrieb oder eine kleine Praxis aufgebaut, waren fleißig und müssen nun bangen, ohne eigenes Verschulden ihre Existenz zu verlieren. Vielleicht werden nach der Krise nur noch Eigennutz und Rücksichtslosigkeit herrschen. Das wäre furchtbar. Denkbar ist aber auch ein anderes Szenario. Wenn die positive Erfahrung des Zusammenhalts während der Krise die Gesellschaft nachhaltig auf lange Sicht prägt. Und sich damit die Erkenntnis durchsetzt, dass Einkaufen, Urlaub und Geld nicht alles ist. Vielleicht kommen wir dann auch gestärkt aus der Krise heraus. Als Menschen, die sich auf Gott verlassen und die sich aufeinander verlassen können. Das wäre doch wunderbar.

Der Apostel Paulus, selbst vielfach krisengeschüttelt, macht uns Mut: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Verzagtheit, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Kraftvoll, liebevoll und besonnen ist ein herrlicher Dreiklang, der uns hilft, zwar nicht ungeschoren, aber getrost aus der Krise zu kommen.

Pfarrerin Iris Carina Kettinger,
Evang. Auferstehungskirchengemeinde Heidenheim

Sonntagsgedanke, 19.04.2020

Shutdown!

Was wir in diesen Wochen erleben, muss eine schwache Ahnung vom Lebensgefühl der alten Israeliten sein. Die hatten nämlich das Sabbatjahr. In jedem siebten Jahr wurde nicht gesät und nichts angepflanzt. Und geerntet nur, was sozusagen freiwillig gewachsen ist. Wobei sich dann alle bedienen durften, auch die Armen und die Tiere.

Ich konnte mir bisher nicht vorstellen, dass die Israeliten das tatsächlich durchgezogen haben. Denn damals hat sich jeder als Bauer selbst versorgt. Und was nicht auf dem eigenen Acker gewachsen ist, das gab es einfach nicht zu essen. So ein Sabbatjahr war immer ein mageres Jahr. Und manchmal haben die Menschen bestimmt auch gehungert. Und das freiwillig! Sie hätten ja säen, pflanzen und ernten können. Aber freiwillig haben sie drauf verzichtet.

Weil es Gott so geboten hat. Sabbat bedeutet Ruhe – Shutdown. Das Land sollte alle sieben Jahre ruhen können.

Wie gesagt, ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Israeliten das durchgezogen haben. Der wirtschaftliche Schaden muss enorm gewesen sein. Aber jetzt zieht unser Volk so etwas durch. Und die Luftverschmutzung geht zurück, kaum noch Staus auf Autobahnen, ein Himmel ohne Flugzeugkondensstreifen. Die Erde atmet auf.

2019, im Jahr von „Fridays for Future“, war vielen bewusst, dass genau das notwendig wäre. Doch die Regierung hat sich gewunden und das Volk hat so viele dicke Autos gekauft und so viele Flugreisen gebucht wie nie zuvor.

Jetzt geht es: Shutdown, Sabbat. Nicht weil die Leute plötzlich auf Gott hören würden. Sondern weil sie Angst vor dem Sterben haben. Die massenhafte Angst vor dem eigenen Sterben hebelt Trägheit und Bedenken aus, die letztes Jahr noch jede Veränderung blockiert haben.

Ich staune immer noch ungläubig, wie in den verschiedensten Ländern, die sich inzwischen ja feindlicher denn je gegenüberstehen, unabhängig voneinander die Wirtschaft niedergelegt wird. Vor wenigen Wochen war die Wirtschaft noch die heilige Kuh. Jetzt geht sie zu Boden. Wie könnte es aussehen, wenn Gott seiner Schöpfung – Erde, Wasser, Pflanzen und Tieren – wieder Luft verschafft?  Genau so.

Pfarrer Michael Rau
Evangelische Kirchengemeinde Herbrechtingen

Sonntagsgedanke, 10.04.2020 - Karfreitag

Kreuz, auf das ich schaue…

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15,34b). Mich berührt dieses am Kreuz gesprochene Zitat aus dem 22.Psalm. Dass selbst Jesus, der doch in maximaler Nähe zu Gott lebte, sich in der größten Not von Gott verlassen fühlt, das bedrückt mich. Ist das so? Auch bei uns? Dass auch wir in den Nöten unseres Lebens, in unseren Krisen, uns von Gott verlassen fühlen, egal, wie nahe wir ihm vorher zu sein schienen?

Ein zweites Mal lese ich den Satz. „Mein Gott, mein Gott…“. Da fällt mir auf: Jesus sagt diesen Satz ja zu Gott. Und er nennt ihn nicht nur „Gott“, sondern sogar „Mein Gott“. Passt das denn zusammen? Dass Jesus sich von Gott verlassen fühlt, und ihn trotzdem anspricht, ganz persönlich?

Geht denn beides gleichzeitig? Sich von Gott verlassen fühlen und trotzdem – im wahrsten Sinne des Wortes: Trotz dem! – mit Gott reden, ihm die eigenen Klagen sagen, seine Nähe suchen? Bei Jesus am Kreuz geht beides. In den Krisen meines Lebens habe ich auch immer wieder erlebt, dass tatsächlich beides zugleich geht: sich Gott ferne fühlen und doch auf seine Nähe hoffen. Die Jahreslosung lautet: „Ich glaube – hilf meinem Unglauben“. (Markus 9,24).

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“. Jesus spürt Gottesferne. Aber Lukas (23,46) berichtet, dass er auch um die Nähe Gottes weiß: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist“.

Wir haben uns in unserer Kultur angewöhnt, das Kreuz als Zeichen der Nähe Gottes zu deuten. Manche Menschen hängen sich ein Kreuz um den Hals, weil es sie an Gottes Nähe erinnern soll. Auf den Gipfeln mancher Berge stehen Kreuze, weil sich Menschen dort Gott nahe fühlten. Und die Kreuze auf unseren Friedhöfen sollen sagen: „Wir vertrauen darauf, dass Du Gott nahe bist, geliebter Mensch“.

Warum deuten wir das Kreuz als Zeichen der Nähe Gottes, obwohl Jesus dort auch Gottesferne spürte? Wohl weil das Kreuz das Zeichen ist, wie nahe uns Gott kommt: er wird so menschlich, dass er sogar die unausweichlich letzte Konsequenz des menschlichen Lebens mit uns teilt: den Tod. Gott wird in Jesus Mensch unter Menschen, unser Bruder, und auch: unser Bruder im Leiden. So mitmenschlich nahe will Gott uns sein.

„Kreuz, auf das ich schaue, steht als Zeichen da; der, dem ich vertraue, ist in dir mir nah“ (Neue Lieder Nr.170)

Pfarrer Steffen Palmer, Evangelische Kirchengemeinde Sontheim-Brenz-Bergenweiler

Sonntagsgedanke, 15.03.2020

Selbstverständlich – knipsen wir morgens das Licht an. Selbstverständlich verlassen viele ihr zu Hause, laufen, steigen ins Auto, nehmen Bus, Bahn, Fahrrad um zur Arbeit oder Schule zu kommen. Selbstverständlich – ziehen die meisten ein Smartphone aus der Tasche und schauen noch schnell nach den wichtigsten Infos. Selbstverständlich bestellen wir per click und morgen steht die Lieferung vor der Tür. Alles ist verfügbar 24/7 – im Überfluss – selbstverständlich. Wir sind sicher, brauchen niemanden haben uns eingerichtet in unserem kleinen Kosmos voller Algorithmen. Und doch wird in diesen Tagen unsere luxoriöse Sicherheit und unser Selbstverständlichkeitsdenken erschüttert. Ein kleines Virus schlägt große Wellen! Aufgepeitscht von den selbstverständlichen Möglichkeiten globaler Kommunikation geht die Corona-Angst um, oft sogar Panik! Was selbstverständlich zum Alltag gehört wird rares Gut: Dinge des täglichen Bedarfs werden gehamstert, leere Regale, Vorräte angelegt – im Zweifelsfall scheint sich jeder selbst der nächste – denn selbstverständlich ist plötzlich nichts mehr. Der sonst selbstverständliche Gang vor die Haustür kann zum echten Freiheitserlebnis werden. Wir haben uns an unsere Selbstverständlichkeiten gewöhnt und mit systematischer Sicherheit eingerichtet, die andere noch nie hatten. Aber fehlt uns dabei nicht etwas Entscheidendes? Wohl haben unsere Systeme und Sicherheitsmechanismen der postmodernen Gesellschaft das noch nicht geschafft: Am Ende der Selbstverständlichkeit das plötzlich aufschäumende Meer der Unruhe, Angst und Unsicherheit im Herzen der Menschen zur Ruhe zu bringen! Wir sind dabei jedoch in guter Gesellschaft, wie die ersten Freunde von Jesus als sie bei einer Bootstour vom Sturm überrascht werden: Da liefen die Jünger zu ihm, weckten ihn auf und riefen: »Herr, hilf uns, wir gehen unter!« Jesus antwortete ihnen: »Warum habt ihr Angst? Vertraut ihr mir so wenig?« Dann stand er auf und befahl dem Wind und den Wellen, sich zu legen. Sofort hörte der Sturm auf, und es wurde ganz still. Am Ende der Selbstverständlichkeit fehlen offenbar noch wesentliche Dinge: die Erkenntnis, dass wir im Miteinander und Füreinander besser durch schwere Fahrwasser kommen – selbstverständlich global gemeint – mit Blick in unsere eine Welt. Noch fehlt das Vertrauen, dass wir – bei Jesus Christus verankert – einen sicheren Halt und einen Ort für unsere Sorgen haben. Warum aber nicht gerade jetzt leere Hände und unruhige Herzen Gott hinhalten und darum bitten? Für viele stehen die Wochen bis Ostern unter dem Aspekt des „Fastens“. Vielleicht bringt uns der zwangsläufige Verzicht auf manches Selbstverständliche auch eine befreiende Erfahrung: Dass trotz aller tosenden Stürme unser Leben geborgen bleibt im Blick auf Jesus Christus und Friede mitten im Sturm sein kann.

Herzliche Segensgrüße, Ihr Pfarrer Steffen Hägele, Hermaringen und Giengen Süd

Sonntagsgedanke, 16.02.2020

Sonntagsgedanken 16. Februar 2020

„…, wenn ich zu Wort komme!“

„Sag daheim einen schönen Gruß!“ „Mache ich, wenn ich zu Wort komme!“ Oft gebrauchen Menschen diese Floskel, bei denen man sich wenig Sorge machen muss, dass sie zu Hause kein Gehör finden. Doch wo Menschen miteinander zu tun haben, sollte jeder zu Wort kommen. Nur dann ist Beziehung möglich, um miteinander leben und arbeiten zu können.

Eigentlich wissen wir das. Aber der kommende Sonntag macht uns darauf aufmerksam, dass nicht nur wir Menschen einander zu Wort kommen lassen. Sondern Gott selbst möchte in unserem Leben zu Wort kommen. Über der neuen Woche steht ein Bibelwort: »Wenn ihr heute Gottes Stimme hört, dann verschließt euer Herz nicht.“ (Hebräer 3,15) Doch sofort melden sich die Fragen: Wie kann ich denn einen Gott zu Wort kommen lassen, den ich nicht sehe und schon gar nicht höre? Und überhaupt: Warum soll ich Gott zu Wort kommen lassen? Es fällt mir ja oft schon schwer genug, den Menschen in meiner Umgebung zuzuhören.

Wie kann ich Gott zu Wort kommen lassen? Indem ich das Staunen über das Leben nicht verlerne. Das Schöne nicht zu schnell zu selbstverständlich nehme. Gelungenes nicht nur meiner eigenen Leistung zuschreibe. Auf schwierigen Wegstrecken das entdecke, was mir beim Weitergehen hilft.

Warum soll ich Gott zu Wort kommen lassen? Weil ich in Kontakt bleibe mit dem, der mein Leben trägt. Ich vertraue einer Kraft, die größer ist als meine eigene Stärke. Denn als Mensch gerate ich allzu oft an meine Grenzen – die Grenzen meiner Zeit, meiner Geduld, meiner Liebe ja sogar meines Lebens. Wenn ich mich da von Gott tragen lasse, kann ich manche Grenze überschreiten. Andere Grenzen kann ich akzeptieren und das, was mir nicht gelingt, Gott anvertrauen.

„Wenn ich zu Wort komme.“ Das Wochenende bietet die Chance, uns gegenseitig zu Wort kommen zu lassen und ebenso Gott. Ob morgen im Gottesdienst oder wo auch immer ich neu lerne, über mein Leben zu staunen.

Ulrich Erhardt, evangelischer Pfarrer in Niederstotzingen.

Sonntagsgedanke, 02.02.2020

Die Feste feiern, wie sie fallen

Liebe Leserin, lieber Leser,

wann haben Sie den Weihnachtsbaum abgeschmückt? Oder steht er bei Ihnen noch im Wohnzimmer, vielleicht bis Mariä Lichtmess, morgen am 2. Februar?

Unseren Christbaum musste ich wegen der Fußbodenheizung leider schon entsorgen. Die Kugeln und Strohsterne sind wieder verstaut und warten geduldig in ihren Schachteln, bis es wieder Zeit ist. Manche Bäume lagen schon nach dem zweiten Weihnachtsfeiertag am Straßenrand und sie taten mir leid. Vielleicht wurden sie schon zum ersten Advent geschmückt. Wie es ja auch Lebkuchen schon im Oktober zu kaufen gibt. Dann ist man mit Weihnachten fertig, ehe es richtig beginnt. Ich warte schon auf die Osterhasen im Januar, Fasching könnten wir wohl auch noch nach Aschermittwoch feiern, oder nicht? Wer weiß heute noch etwas von der Fastenzeit? Was ist los mit unserer Festkultur?

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen. In der Redensart steckt eine große Weisheit. Unser Festkalender ist aufgebaut auf das Kirchenjahr mit seinen Wechseln zwischen Feiern und Fasten, mit den Stufen, die unser Leben uns vorgibt im Wechsel von Freude und Traurigkeit, vom Gelingen und von Niederlagen. Der Weihnachtsfestkreis reicht bis zum 2. Februar. An unserem früheren Wohnort feierten anfangs nur wir in unserer Straße Weihnachten bis ganz zum Schluss. Aber im Laufe der Jahre wurde es anders. Hier und dort leuchtete in der Nachbarschaft noch ein Lichterbogen und ein Herrnhuter Stern.     

Weihnachten ist das Staunen darüber, dass Gott sich in einem Kind offenbart. Dieses Kind wird als Licht besungen, das die Finsternis durchdringt. Dem Licht sinnt die Zeit nach dem Erscheinungsfest nach und nimmt als Bild den Morgenstern, der das Ende der Nacht anzeigt. Jetzt ist die Zeit des ausgelassenen Feierns, der Fastnacht. Danach beginnt die Zeit des Verzichts und der Stille, der Besinnung auf das Leiden Jesu. Wer dies sieben Wochen lang bewusst durchhält, der kann Ostern leiblich als Fest der Auferstehung erfahren.

Der biblische Bezug von Lichtmess, vierzig Tage nach dem Christfest, richtet sich zum einen auf Maria als der Mutter Jesu, zum anderen auf Jesus als dem Erstgeborenen seiner Familie. Nach alttestamentlicher Regel galt eine Mutter erst 40 Tage nach der Geburt wieder als kultisch rein. Zu diesem Anlass wurde der Tempel besucht. Zum andern wurde der Erstgeborene vor Gott im Tempel dargestellt und durch ein Opfer ausgelöst. Nach Lukas, der die entsprechende Erzählung überliefert, steht Jesus hier ganz in der jüdischen Tradition. Freilich bettet Lukas diesen äußeren Anlass ein eine ganz eigene Geschichte ein. Dort am Tempel wartet der alte Simeon schon jahrelang auf den Trost Israels. Als er nun Jesus mit seinen Eltern sieht, nimmt er den Säugling auf den Arm und ruft: „Herr, nun lässest du deinen Diener im Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, welchen du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.“

Die Kirche in alter Zeit war klug, dieses Lichterfest im Einklang mit dem Naturjahr auf die Zeit zu legen, wo es merklich, spürbar heller wird und sich neues Leben in der Natur regt. Lichtmess gilt als Entsprechung zu Michaelis am 29. September – jetzt konnten die Handwerker wieder ohne künstliches Licht arbeiten, das sie seit Michaelis vermisst hatten. Jesus Christus ist das Licht der Welt, das ist die Botschaft von Lichtmess. Alles von diesem Licht erhoffen, erbitten, das ist unsere Aufgabe. Und so wünsche ich Ihnen einen gesegneten Sonntag und eine glückselige Fastnacht.

Pfarrerin Iris Carina Kettinger,
Evangelische Auferstehungskirche Heidenheim